21.04.2009

Tag 4: Oberfranken Bayreuth - Brunch hinter martialen Zäunen

Unser heutiger Besuch in Bayreuth unterscheidet wohltuend von unseren vorhergehenden Besuchen von Lagern und Unterkünften. Das liegt an den anderen Begleitumständen. Wir sind „private" Gäste, denn BewohnerInnen und engagierten StudentInnen haben uns eingeladen. Unser Treffen hat somit einen persönlichen und informellen Charakter.
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Herzlicher Empfang


Flüchtlinge haben gemeinsam mit den Studentinnen ein Frühstücksbuffett auf dem Grünstreifen vor der Unterkunft aufgebaut. Wir sitzen an Sitzgruppen aus Gussbeton, das Wetter ist prächtig und endlich haben wir einen angenehmen Rahmen, um die unangenehmen Aspekte der Lagerunterbringung zu besprechen, die natürlich auch in der Bayreuther Unterkunft unser Thema sind.

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Wohnen, wo einst Soldaten hausten


Das Bayreuther Flüchtlingslager ist in zwei ehemaligen Kasernengebäuden, zwei großen Kästen mit roter Klinkersteinfassade aus der Zeit des ersten Weltkrieges, untergebracht. Augenfällig ist die massive, monumetale Zaunanlage, die das Gelände umgibt. Sinniger Weise befindet sich diese eingezäunte Menschenaufbewahrungseinrichtung in unmittelbarer Nähe des Bayreuther Zoos. Eines wird sofort klar: Hier handelt es sich um eine Haftanstalt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die zwei Überwachungskameras an beiden Seiten des Eingangs. Die Verwaltung, rechtfertigt den Zaun mit der Sorge um die Sicherheit der BewohnerInnen. Seltsam ist nur, dass sich der Zaun nach innen neigt. Hier geht es offensichtlich viel mehr darum, im Bedarfsfall, die Insassen am Verlassen der Einrichtung zu hindern, als umgekehrt.

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Tür an Tür in blauen Fluren


Die Gänge und das Treppenhaus sind blau gestrichen und beeindrucken durch ihre Größe. In endlosen Gangfluchten reiht sich Zimmertür an Zimmertür. Der bauliche Zustand erscheint, zumindest in dem Gebäude das wir besichtigen konnten, passabel. Die Struktur und Aufteilung entspricht jedoch den Anforderungen eines Militärgebäudes und nicht denen eines Wohnhauses für Familien und Einzelpersonen. Hier leben immerhin derzeit etwa 200 Menschen.

Das Lager befindet sich am Rande eines Gewerbegebietes. Hier gibt es keine lebendige Nachbarschaft. Ins Zentrum läuft man etwa 15 min, aber was sollte man in der schicken Geschäftsmeile schon machen, wenn man mit maximal 40,00 € im Monat auskommen muss?

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Bayreuther Verhältnisse


Einen besonders schlechten Ruf hat das Bayreuther Ausländeramt. Hier im schönen Oberfranken scheint sich eine Reservat von asylpolitischen Hardlinern gehalten zu haben. Bereits in Amberg mussten wir erfahren, dass sich all jene Flüchtlinge, deren Aufenthaltsstatus unsicher ist und die zu einer Ausreise gedrängt werden sollen, im Zuständigkeitsbereich der Ausländerbehörde Bayreuth (was 80 km von Amberg entfernt liegt) befinden, die für ihre Härte und Unerbittlichkeit berühmt und berüchtigt ist. In Bayreuth soll angeblich eine regionale Außenstelle der Zentralen Rückführungsstelle Nord etabliert werden.

Besonders fragwürdig ist die Vorgehensweise der Behörde in Sachen Bleiberecht. Wir erfahren vom Fall einer jungen Frau, die seit 14 Jahren mit ihrer 12 jährigen Tochter in  der Bayreuther Asylunterkunft lebt. Sie hatte Arbeit und die Ausländerbehörde machte ihr deshalb das Angebot, wenn sie sich ein gültiges Dokument von ihrer Botschaft besorgen würde, dann könnte sie einen Aufenthaltstitel erhalten und ausziehen. Mit dieser hoffnungsvollen Perspektive beschaffte sich die junge Frau eine Kopie ihres Reisepasses, den sie vor der Flucht bei Verwandten in ihrem Herkunftsland zurückgelassen hatte. Als sie damit zur Behörde ging reagierte diese prompt: Nichts ist mit Auszug und selbstbestimmten Leben. Der jungen Frau wurde umgehend ihre Arbeitsgenehmigung entzogen. Jetzt lebt die Frau im Lager mit der ständigen Angst vor ihrer Abschiebung. Erschreckend mit welcher Energie hier BeamtInnen der Ausländerbehörde, gleich einer Mission, Gesetze und Vorschriften zu Ungunsten der Flüchtlinge auslegen. Würde unsere junge Frau in München leben, sie hätte heute eine Aufenthaltsperspektive.

„Ich kann nichts bieten“

Wir lernen eine dreiköpfige Familie aus Syrien kennen, die seit sechs Jahren in der Unterkunft lebt. Die zweifache Mutter erklärt uns „Meine Kinder werden hier groß - ich möchte ihnen so gerne etwas bieten und kann es nicht" Sie teilt sich ihr Zimmer mit ihrer achtjährigen Tochter und ihr jugendlicher Sohn bewohnt ein eigenes Zimmer. Neben ihr sitzt eine afrikanische Frau die bitter lachend erzählt, dass sie seit 14 Jahren im Lager lebt.

Nicht mal Bezirksliga

Ein junger Mann spielt in einem lokalen Fußballverein. Er könnte jetzt bei einem Verein einsteigen, der in der Bezirksliga mitspielt. Aber vorher müssen Trainer und Manager klären, ob er zum Zwecke von Auswärtsspielen den Landkreis verlassen darf. So wie uns die Bayreuther Ausländerbehörde geschildert wurde, sind die Chancen auf eine solche Genehmigung ungewiß.

Im letzten Moment von der Schippe

Eine andere junge Frau setzt sich erschöpft in unsere Runde. Sie ist vor wenigen Wochen in letzter Minute durch den massiven Einsatz von UnterstützerInnen ihrer eigenen Abschiebung nach Deutschland entkommen. Nach einer eingereichten Eilpetition setzte sie die Bundespolizei in München auf freien Fuß und die Frau konnte sehen, wie sie mit ihrem Resttaschengeld noch die Heimfahrt nach Bayreuth organisieren konnte.

Kindheit im Lager

Während wir unsere Gesprächsrunde im Garten fortsetzen, erkundet eine kleine freche Kinderschar unser Infomobil und hält uns im Trab mit immer neuen Spielwünschen und Fragen. Es ist ein aufgeweckter Haufen und trotz kleiner Streitigkeiten zeigt der multinationale Spielverband, dass Kinder sich mit den Verhältnissen arrangieren, denn sie kennen es nicht anders. Die meisten von ihnen sind hier groß geworden. Aber uns kommt dennoch Wut und Ohnmachtgefühle angesichts der Tatsache, dass hier Menschen und Kinder an einer akzeptablen Lebensführung gehindert werden.

Fazit

Deshalb fordern wir zusammen mit den BewohnerInnen: Das Bayreuther Lager muss Geschichte werden! Anfangen könnte man umgehend, der martiale Zaun muss verschwinden, den braucht nämlich niemand ...

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