17.04.2009
Tag 1: Oberbayern oder „Ah, des Asylantenheim meinen's"
Auf geht’s nach Grassau. Grassau ist ein wunderschöner Ort am Chiemsee, die Landschaft dort würde jedem Heimatfilm alle Ehre machen. Doch in Grassau verlässt uns unser Navi. Von Einheimischen, die wir nach dem Flüchtlingslager fragen, ernten wir nur fragende Blicke. Doch dann kommt die Erleuchtung: „Ah, des Asylantenheim meinen's“, und wir bekommen unsere Wegbeschreibung.
Grassau: Regierung von Oberbayern ist schon daVor dem Lager in Grassau angekommen erwartet uns ein Empfangskommitee der besonderen Art: Zwei extra aus München angereiste Mitarbeiterinnen der Regierung von Oberbayern und die Heimleiterin. Rasch werden wir in einen penibel gesäuberten Aufenthaltsraum gelotst und können Fragen stellen.
Hier einige Fakten zu dem Haus: Das Lager ist eine alte Pension am Ortsrand des Marktes Grassau. Derzeit leben dort 76 BewohnerInnen, davon 13 Familien und einige Einzelpersonen. Ursprünglich war das Lager, das seit 1986 in Betrieb ist, für 120 Personen ausgelegt.
In der Tat kann man sagen, dass das Flüchtlingslager in Grassau, verglichen mit vielen anderen, einen guten Eindruck macht. Die Familien haben teilweise abgetrennte Wohnbereiche mit Küche und Sanitärbereich oder teilen sich mit wenigen Familien Küche und Bad. Zudem gibt es einen Garten mit Spielgeräten. Auch haben uns BewohnerInnen berichtet, dass sie ein gutes Verhältnis zur Ortsbevölkerung haben und es gibt ehrenamtliches Engagement von örtlichen Gruppen und Einzelpersonen in Form von Sprachunterricht und weiterer Unterstützung.
Am Ende haben wir die Gelegenheit mit einigen BewohnerInnen ins Gespräch zu kommen. Der Tenor: Hier ist es besser als in anderen Lagern. Die grundsätzlichen Probleme jedoch bleiben: Mangelversorgung mit Essenspaketen, Arbeitsverbote, Abschiebungen und der Zwang (statt der freien Entscheidung), im idyllischen Grassau zu wohnen. Ein anonymer Anruf
Danach ging es nach Rosenheim zur Vetternwirtschaft, ein netter selbsverwalteter Schuppen mit tollem Biergarten und leckerem Essen, wo wir zur Infoveranstaltung eingeladen sind. Dann kommt ein anonymer Anruf. Ein Bewohner des Grassauer Flüchtlingslagers ist am Telefon. Seinen Namen möchte er nicht nennen, spielt auch keine Rolle. Was er sagt ist hart: Warum habt ihr der Regierung Bescheid gesagt (s. Anmerkung unten)? Warum seid ihr nicht einfach so gekommen? Ihr habt nichts von dem mitgekriegt was wirklich los ist. Die Leute haben zu große Angst zu reden, wenn die Regierung da ist, sie befürchten Strafmaßnahmen. Zum Beispiel einen Transfer in schlimmere Lager.
Was der anonyme Anrufer noch sagt: Es gibt große Probleme. Die Enge, der Gestank. Mehrere Familien teilen sich ein Badezimmer. Die Essenspakte und die 40 Euro pro Monat reichen nicht zum Leben, insbesondere nicht für Familien mit Kindern. Und mit der Arbeit sehe es auch nicht so rosig aus. Viele hätten ein Arbeitsverbot, dürften nicht selber für ihr Leben sorgen. Aber viele fänden auch keinen Job, oder nur für wenige Stunden in der Woche. Dann müssen wir zur Veranstatlung, sind sowieso schon eine Stunde zu spät dran, wir vereinbaren, dass er sich später noch einmal meldet – doch der Anruf kommt nicht.
Schöner Abschluß
Am Abend wurden wir herzlichst in der Rosenheimer Vetternwirtschaft willkommen geheißen. Gestärkt durch extra für uns zubereitetes Essen hielten wir vor einer äusserst interessierten und motivierten ZuhörerInnschaft einen Vortrag zur Lebenssituation der Flüchtlinge in Bayern. ---
Anmerkung: Das Bayerische Sozialministerium hat über unsere Internetseite von der LagerInventour erfahren und umgehend alle Bezirksregierungen über die Tourstopps informiert.