19.04.2009

Tag 3: Teublitz (Oberpfalz) – das Lager der „aus dem Raster gefallenen“

Unser erstes Ziel in der Oberpfalz ist das Flüchtlingslager in Teublitz, einem kleinen Ort mit 7.500 EinwohnerInnen mitten im einstigen „Bayerischen Ruhrgebiet". Bis Teublitz leitet uns unser Navi problemlos, doch dann müssen wir fragen, denn die angegeben Adresse Koppenlohe 1 ist unserem Navi unbekannt. Per Handy lassen wir uns lotsen.

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Teublitz – Wohnstätte der Geduldeten


Die blau getünchten Mehrfamilienhäuser der Unterkunft erinnern etwas an eine Feriensiedlung. Lediglich ein Wall aus unterschiedlich großen Satellitenschüsseln stört den Eindruck. Die Anlage ist baulich in gutem Zustand und wurde für die Unterbringung von Spätaussiedlern gebaut. Seit 2005 dient sie zur Unterbringung von Flüchtlingen. Ursprünglich für 200 Personen angelegt, leben hier heute 108 Flüchtlinge, es gibt acht Familien. Der Großteil der BewohnerInnen hat lediglich eine Duldung. Die Häuser sind in Wohneinheiten gegliedert und wurden von der Kommune so angelegt, dass sie im Bedarfsfall in Sozialwohnungen umgewandelt werden können. Die zuständige Ausländerbehörde befindet sich im 15 km entfernten Schwandorf. Bus und Zug dorthin kosten zusammen etwa 5,40 € für die einfache Strecke - sehr viel für Menschen, die entweder 40 € Taschengeld pro Monat bekommen.

Wir werden erwartet. Die örtliche Sozialarbeiterin und Ehrenamtliche vom AK Asyl, die uns eingeladen haben, Flüchtlinge und die Heimleitung sowie ein zuständiger Herr von der Regierung der Oberpfalz stehen im Freien bereit. Nachdem wir mit zwei Heimverwaltern und einem Zuständigen von der Regierung der Oberpfalz Allgemeines zur Unterbringung und Verwaltung geklärt haben, verlässt die Verwaltung den Besprechungsraum. Das gibt uns Freiraum und können uns mit BewohnerInnen über ihre Probleme unterhalten. Gleichzeitig hat unser Team die Möglichkeit, sich mit weiteren BewohnerInnen in ihren Zimmern zu unterhalten. Hier eine Auswahl der geschilderten Probleme, die wir beliebig ergänzen könnten.

Ausbildung verboten

„Besonders schlimm ist es für unsere Kinder“ schildert uns Frau Joli aus Syrien. Seit sieben Jahren lebt sie mit ihrem Mann und sechs Kindern in Deutschland. Ihre zwei ältesten Töchter hatten beide Ausbildungsplätze gefunden. Doch sie dürfen ihre Ausbildung nicht beginnen, die Schwandorfer Ausländerbehörde erteilt ihnen nicht die Genehmigung dazu. Das ist keine besonders ungewöhnliche Boshaftigkeit eines regionalen Ausländeramtes, sondern lediglich die Umsetzung des herrschenden politischen Willens. Geduldete Flüchtlinge, die nicht an ihrer Abschiebung mithelfen, haben häufig ein Arbeits- und damit ein Ausbildungsverbot. „Meine Kinder machen ihre Schule gut. Ich wollte immer das Beste, eine Ausbildung für die Mädchen - doch jetzt dürfen sie nicht damit anfangen, erzählt uns Frau Joli verzweifelt.

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Zwangspausen für alle


Ab diesem Sommer, wenn ihre Schule endet, sind die beiden Mädchen dann, wie die vielen anderen jungen Männer, mit denen wir uns in Teublitz unterhalten konnten, zum Nichtstun und Zeittotschlagen verdammt. Jeden Tag das Gleiche: Schlafen, Fernsehen, die Zimmernachbarn besuchen, Essen. Die erzwungene Untätigkeit ist eine der größten Belastungen für die Menschen hier in Teublitz und macht sie kaputt. Sie leiden unter dem Arbeitsverbot. Sie wollen arbeiten und dürfen nicht. Obwohl sie selber für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten, alimentiert der Staat sie lieber mit Essenspaketen, Leben in Mehrbettzimmern und Altkleidern - weil ihre Existenz hier nur geduldet ist.

Leben im Wartezustand

Geduldet sein heißt, unerwünscht zu sein. Durch diesen künstlich geschaffenen permanenten Wartezustand sollen Flüchtlinge, die aus unterschiedlichen Gründen nicht abgeschoben werden können, mürbe gemacht werden und zum Gehen bewegt werden. Der Bayerische Lagerzwang ist ein Teil dieser Zermürbungstaktik. „Die Unterbringung (in Flüchtlingslagern) soll die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern", heißt es in der bayerischen Asyldurchführungsverordnung.

Kinder sind nicht ausgenommen

Viele Kinder leben in der Teublitzer Gemeinschaftsunterkunft. Auch ihre Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise will der Freistaat fördern. Die Enge im Mehrbettzimmer lässt Ahmad (9) keinen Platz zum Lernen. Er wohnt mit seinen drei Brüdern auf etwa acht qm. Es ist laut, es gibt Streit und nie ist er alleine.

Fernes Regensburg

Ihre Freundinnen lädt Rachima nicht zu sich nach Hause ein, sie schämt sich für ihre Armut. Wenn ihre Freundinnen sie einladen, mit nach Regensburg ins Kino zu gehen, oder mit ihr zu McDonalds wollen, kommt sie nicht mit. Ihr fehlt das Geld: Ihre Eltern geben alles Geld (ca. 200 Euro pro Monat für acht Personen) für Stifte, Hefte und andere Schulsachen aus. Doch selbst wenn ihr Vater arbeiten dürfte und das Geld reichen würde, könnte sie nicht mit. Sie darf den Landkreis nicht verlassen, so will es die Residenzpflicht. „Ich sage dann immer, dass ich keine Zeit habe“, erzählt uns Rachima. Sie war zumindest schon einige Male in Regensburg, ihre Mutter war in den letzten sieben Jahren kein einziges Mal dort, obwohl die wunderschöne Stadt nur 24 km entfernt ist. Nur einmal, so erzählt sie uns, durfte sie dort hin - weil sie ins Krankenhaus musste.

Ein anderer Bewohner meint dazu: „Ich wollte mir dieses Deutschland ansehen und jetzt bin ich hier gefangen. Ich dachte, Deutschland ist ein Sozialstaat, aber in einem solchen sollten alle Menschen gleich behandelt werden. Freiheit ist ein wichtiger Punkt und meine Freiheit ist auf einen Landkreis begrenzt.“

Gefangen im Landkreis

Mit der Residenzpflicht hat auch Christoph, der als Christ vor Islamisten fliehen musste, ein großes Problem. Er wurde schon viermal erwischt, als er den Landkreis verließ, um andere Christen aus seiner Heimat zu besuchen und am Gemeindeleben teilzunehmen. Wenn er noch einmal erwischt wird, muss er für drei bis sechs Monate ins Gefängnis, hat im das Landratsamt angedroht. Auch er lebt von Essenspaketen. „Die Essenspakete sind nicht das Problem“, sagt er. „In Teublitz wurde nach Protesten des AK Asyl Maxhütte die Paketversorgung durch die Firma DreiKönig (die Firma aus Baden Württemberg liefert Essenspakete für Flüchtlinge in ganz Bayern) eingestellt, jetzt kommen sie vom Norma und die Qualität und Quantität ist gut.“ „Das Problem ist das Arbeitsverbot. Ich habe schon viele Jobangebote gehabt - doch immer sagt die Ausländerbehörde: Nein du darfst nicht arbeiten. Ich bin ein gesunder junger Mann, ich schäme mich, vom Staat Geld zu kriegen. Warum darf ich nicht arbeiten und für mich selber sorgen?“

Abschiebungen drohen

Neben Arbeitsverboten und der Enge haben Christoph und Familie Joli noch ein viel größeres Problem. Die Angst vor der drohenden Abschiebung. Deutschland hat ein Rückübernahmeabkommen mit Syrien geschlossen. Rückübernahmeabkommen heißt: Flüchtlinge aus Syrien, die Deutschland nicht mehr haben will, können abgeschoben werden. Am Montag sind alle syrischen Flüchtlinge aus Teublitz bei der Polizei vorgeladen, sie sollen Fingerabdrücke abgeben. Eine Ladung haben sie nicht zugestellt bekommen, der Hausmeister hat ihnen lediglich Bescheid gegeben. Ihnen wurde auch nicht mitgeteilt, dass sie dazu nicht verpflichtet sind. Angst macht sich breit. Familie Joli war schon dort, um Fingerabdrücke abzugeben. Jetzt werden sie von der syrischen Botschaft überprüft. Werden sie darüber als syrische Staatsbürger identifiziert, droht eine Abschiebung. Abgeschoben werden dann auch ihre Kinder Ahmad (9), Rachmia (16) und Fatima (17). Das die Kinder kein Wort arabisch sprechen sondern nur deutsch, spielt dabei keine Rolle. Auch nicht, dass der Fußballverein ohne Ahmad auskommen muss, dass den Freundinnen von Rachima und Fatima ein Mensch aus dem Leben gerissen wird. Es spielt auch keine Rolle, dass sie trotz ihrer schlimmen Fluchtgeschichte deutsch gelernt haben und ihren schulischen Abschluss machen. Rachimas Noten haben sich, seit sie weiß, dass sie wahrscheinlich abgeschoben wird, stark verschlechtert. „Ich weiß nicht mehr, warum ich mich anstrengen soll, ich werde bald nach Syrien abgeschoben. Und selbst wenn nicht: Ich darf sowieso nicht arbeiten und keine Ausbildung machen“.

Teublitz macht krank

Die Isolation macht vielen der BewohnerInnen ebenfalls große Probleme. Es gibt kaum Kontakte zu TeublitzerInnen. Positiv wird im Ort angesehen, dass es mit den Spätaussiedlern früher mehr Probleme gab und es jetzt ruhiger ist. Wer krank ist, hat zudem Probleme, den Arzt zu besuchen. Einer schwer kranken Frau, die auf schnellen Zugang zu ärztlicher Hilfe angewiesen ist, wurde wiederholt der Auszug verwehrt.

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