24.04.2009
Tag 5: Kaufbeuren (Schwaben) Kleines Haus mit großen Sorgen
Kaufbeuren – Abendveranstaltung in netter Runde
Auf nach Kaufbeuren!
Im evangelischen Gemeindezentrum von Kaufbeuren besuchen wir die Teestube. Wir werden herzlich von einer gemütlichen Runde, bestehend aus Flüchtlingen, dem AK Asyl der Stadt und einem Mitarbeiter von Amnesty empfangen. Insgesamt sind wir ca. 20 Personen. Die Teestube besteht seit über 15 Jahren. Hier entsteht ein Austausch zwischen den Flüchtlingen des Lagers in Kaufbeuren und den ca. 20 Ehrenamtlichen des Arbeitskreises. Der AK kümmert sich um die Belange der Flüchtlinge und hilft bei individuellen Problemen.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde kommen wir schnell mit den Flüchtlingen ins Gespräch. Die Atmosphäre in der Teestube ist sehr aufgelockert, was einen idealen Rahmen für einen Austausch bietet. Die Flüchtlinge trauen sich hier offen über ihre Probleme zu sprechen.
Einzelschicksale
In dem Flüchtlingslager leben vier Familien und ein allein stehender junger Iraker auf drei Stockwerke verteilt.
Der allein stehende Iraker ist 20 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Er ist in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf 18 Jahre alt geworden und hatte somit keinen Anspruch mehr auf Jugendhilfe. Zunächst lebte er in Mindelheim und bekam dort schwere Depressionen. Daraufhin wurde er nach Kaufbeuren verlegt, da es in der Stadt eine psychiatrische Klinik gibt (Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren). Soziale Betreuung gibt es aber in dem Lager nicht. Trotz zahlreicher Anträge darf er nicht zu seinem Onkel nach Freiburg ziehen. Auch ein Umzug nach Augsburg, wo seine Freundin lebt, ist ihm gestattet worden. Da er in dem Lager in Kaufbeuren der einzige Heranwachsende in seinem Alter ist, fühlt er sich sehr isoliert. Er hat weder Arbeitserlaubnis noch Kontakte zu Gleichaltrigen in Kaufbeuren. Er steckt hier fest.
Es meldet sich eine Frau aus Tschetschenien zu Wort. Sie hat für sich, ihren Mann und ihre vier Kinder einen Raum zur Verfügung, in dem sie Essen, Schlafen und Hausaufgaben machen müssen. So leben sie seit acht Jahren zusammen. Ihr gesamtes Mobiliar hat sie sich selbst zusammengespart. Sie wollte ihre Kinder nicht auf den sonst üblichen klapprigen Stockbetten schlafen lassen. Ihr Zimmer können sie nachts nicht abschließen, weswegen sie aus Angst um ihre Familie unruhig schläft. Ihre Kinder seien auf Grund der schlechten hygienischen Verhältnisse oft krank. Zwangsläufig stecken die BewohnerInnen sich gegenseitig an, da sich mehrere Familien eine Toilette, Badezimmer und Küche teilen müssen. „Das ist unwürdig und unrecht“ sagt sie und beginnt zu weinen. „Seit acht Jahren warten wir und wohnen in der Luft.“ Im Gefängnis hätten die Leute es besser, da dort die Zeit des Wartens begrenzt sei. „Wir leben im Heim wie Tiere. Wir haben kein Recht uns frei zu bewegen, kein Recht zu arbeiten. Es muss was passieren!“ In Tschetschenien hat sie als Bibliothekarin gearbeitet und dort in leitender Position fünf Bibliotheken geleitet. In Kaufbeuren hat sie bei der Stadtbibliothek angefragt, ob sie eine Stunde am Tag kostenlos dort mitarbeiten könne. Dort wurde sie aber abgewiesen, mit der Begründung, dass sie nicht genug Deutsch könne und ihre Qualifikation ungenügend sei.
Der Kontakt zu den Einheimischen ist insgesamt sehr schlecht, wenn man von dem AK Asyl absieht. Ihr Sohn hat einmal gesagt, wenn er Bürgermeister von seiner Heimatstadt in Tschetschenien werden würde, würde er keinem einzigen Kaufbeurer den Zutritt zur Stadt erlauben. Das sagt ein Junge von elf Jahren. Die Kinder dürfen den Landkreis nicht verlassen, weswegen sie an Klassenfahrten und Sportereignissen nicht teilnehmen können. „Für die Kinder ist die Belastung doppelt“ sagt die junge Tschetschenin.
In dem Lager wohnt eine junge Roma Kosovarin. Sie hat einen Sohn im Alter von elf Jahren, mit dem sie sich ein Zimmer teilen muss. Sie ist krank und braucht Tabletten, die sie eigener Tasche bezahlen muss. Ihre Deutschkenntnisse sind sehr schlecht, weshalb sie sich in Kaufbeuren isoliert fühlt. Ihre Tante in Nürnberg kann sie nur alle halbe Jahre besuchen. Es fehlt ihr dazu das Geld.
„Immer Apfel, Banane, Kiwi“
Die Essensversorgung des Lagers wird durch Essenspakete gewährleistet. Früher wurden diese von der Firma Weigel geliefert. Seit Ende März diesen Jahres ist die Firma Dreikönig dafür zuständig. Seitdem bekommen die BewohnerInnen nur noch Milch mit einem Fettanteil von 1,5%. „Die Kinder trinken die Milch nicht,“ erzählt uns eine Bewohnerin. Außerdem kann man mit ihr keinen Joghurt herstellen, was ihnen ein Stück Lebensqualität nimmt.
Die Lebensmittelauswahl von den Essenslisten haben alle BewohnerInnen satt. „Immer nur Apfel, Banane, Kiwi,“ sagt eine Frau. Sie wollen ihr Essen selbst kaufen können.
Die Behörden lassen sich Zeit
Die städtischen Behörden in Kaufbeuren lassen sich viel Zeit mit der Bearbeitung von Anträgen. Ein Mann erzählt, dass er vor sechs Monaten eine Brille beim Sozialamt beantragt habe und bis heute auf einen Bescheid warte. Außerdem gibt es Probleme bei der Beantragung von Krankenscheinen. Die Befreiung von der Residenzpflicht kostet 10,00 €. Diese wird aber nicht immer und unter erschwerten Umständen gewährt. Eine Frau erzählt, dass sie zu einer Beerdigung einer nahen Verwandten fahren wollte. Diese fand in Bayreuth statt. Sie hat aber nur eine Erlaubnis für einen Tag bekommen. Dies war beim besten Willen nicht zu schaffen.
Vollgestopft
Vollgestopft mit Infos werden wir von den Ehrenamtlichen fürstlich mit Essen versorgt. Michael von Kranacher, der ehemalige Chef des Bezirkkrankenhauses in Kaufbeuren sowie ein Kollege berichten über ihre Arbeit und Studien von und mit traumatisierten MigrantInnen. Er erzählt, dass grundsätzlich jeder/jede MigrantIn traumatisiert sei. Mit vollen Bäuchen fahren wir zu einer netten Dame des AKs, die uns einen Stellplatz für unser Wohnmobil in ihrem Garten anbietet. Die Geschichten und das Essen müssen erst einmal über Nacht verdaut werden.
Dienstag 21.04.09
Besichtigung des Flüchtlingslagers in Kaufbeuren
Lagerleben in Kaufbeuren
Am nächsten Morgen besichtigen wir das Flüchtlingslager in Kaufbeuren. Anwesend sind Frau Schmid-Göller von der Regierung Schwaben, der Heimleiter Herr Groß, ein Mann von der Verwaltung, ein Mann von der Allgäuer Zeitung mit Fotograf und vier Ehrenamtliche des AK Asyl.
Das Flüchtlingslager besteht seit 1991, davor wurde das Haus von einer Firma genutzt. Es hat eine Kapazität für 47 Personen, derzeit leben dort 25 Flüchtlinge (vier Familien und ein allein stehender junger Iraker). Derzeit wird das Flüchtlingslager in Mindelheim aufgelöst, was einen Zuwachs an BewohnerInnen in Kaufbeuren nach sich ziehen wird. In Gesprächen mit den BewohnerInnen von Kaufbeuren wird deutlich, dass diese Angst vor der kommenden Enge und dem damit verbundenen Stress haben. In Mindelheim sind derzeit 80 Menschen untergebracht, es ist aber noch unklar, wie viele davon nach Kaufbeuren kommen werden. In dem Flüchtlingslager Kaufbeuren gibt es keine soziale Betreuung.
Schmid-Göller sieht Handlungsbedarf
Im Gespräch mit der Zuständigen von Seiten der Regierung von Schwaben, Frau Schmid-Göller, wird deutlich, dass sie konkreten Handlungsbedarf bei der Unterbringung von Flüchtlingen sieht. Sie plädiert für eine familien- und kindgerechte Unterbringung und für eine alternative Versorgung mit Lebensmitteln. Verbesserungen wünscht sie sich auch bei der Verpflichtung des Personenkreises der Flüchtlinge in Lagern leben zu müssen. Sie meint, dass durch das AsylBlG Kinder von Aktivitäten, wie Schulausflügen, ausgegrenzt werden. „Das tut mir selber weh“ sagt sie. Gerade im Bereich der Schule sehe sie Bedarf für Verbesserungen. Da es in Schwaben derzeit lediglich 1.036 Flüchtlinge in 18 Lagern gebe, sehe sie „eine Chance für einen anderen Umgang“ mit Flüchtlingen, denn „es geht um das Wohl der Bewohner“.
Rundgang
Der AK und ein paar BewohnerInnen führen uns durch das Flüchtlingslager. Sofort werden wir von einer Familie auf Tee und leckeres irakisches Gebäck eingeladen. Pro Stockwerk haben fünf Familien Platz, wobei derzeit drei Zimmer leer stehen. Die BewohnerInnen verstehen nicht, warum sie diese nicht zusätzlich nutzen können. Auf einem Gang gibt es je ein Bad, zwei Toiletten und eine Küche. Die Einrichtung des Lagers entspricht der Standardausstattung: graue Metallspinde und klapprige Stühle. Erstaunlich ist, dass die BewohnerInnen die Renovierung des Lagers selbst in die Hand nehmen müssen. Zweimal haben sie bereits den Gang gestrichen.
Die Enge in dem Lager ist bedrückend. Im Zimmer einer tschetschenischen Familie leben sechs Personen auf engstem Raum zusammen und das seit acht Jahren. Ein Schrank dient als Trennwand, um Schlaf- und Wohnbereich voneinander zu trennen.
Wir treffen auch die junge Kosovarin vom Vorabend wieder. Sie lebt mit ihrem elfjährigen Sohn in einem Zimmer, das nur mit einer Couch und Schrank ausgestattet ist. Sie kann sich nicht erklären, warum sie alle drei Monate ihre Duldung verlängern muss. Als sie das erzählt, beginnt sie zu weinen.
Abschied
Wir verabschieden uns von dem AK und den BewohnerInnen. Dies fällt uns nicht leicht, da wir in Kaufbeuren sehr herzlich empfangen wurden. Da hier nur 25 Flüchtlinge leben, ist der Kontakt zwischen dem AK und den BewohnerInnen sehr intensiv. Daher konnten schon einige konkrete Verbesserungen für die Flüchtlinge erreicht werden. Die Grundproblematik, wie Lagerzwang, Residenzpflicht, Arbeitsverbot und Essenspakete bleibt dennoch bestehen und belastet die BewohnerInnen permanent.