21.04.2009

Tag 4: Würzburg (Oberfranken)

They don`t treat us like human

Flüchtlingslager in der Veichtshöchheimerstraße - Ankunft 16:00 Uhr.

Der Ak Asyl aus Würzurg erwartet uns bereits vor dem Lager, aber nicht nur er, sondern auch  zwei Herren von der Polizei. „Ausweis, Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Wir haben weder Zeit aus dem Wohnmobil auszusteigen, noch den Ak zu begrüßen. Die Polizisten zeigen außer an unserer Identität noch Interesse an unseren Beweggründen für den Besuch des Lagers. Nach einigem Hin und Her ziehen sie endlich wieder ab. Kinder, die uns aus dem Lager entgegenströmen, fragen sofert, wer hätte abgeholt werden sollen. Später erfahren wir von den Studentinnen des AKs, dass die Polizei schon vor uns an dem Lager Stellung bezogen hatte. Das ist schon etwas gruselig.

Stacheldraht, Doppelschleuse, echte Kasernenathmo

Aber noch viel erschreckender ist der Anblick des Flüchtlingslagers. Es ist komplett mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Der Eingang ist eine Pforte, mit 2 elektrischen Toren, die nur geöffnet werden, wenn der Pförtner sein ok dazu gibt. Die Studentinnen erzählen uns, dass sich dieses Einlassverfahren in den letzten 3 Monaten verschärft hat. Jetzt darf man das Lager nur noch betreten, wenn man auf einer Liste steht oder den Namen eines Bewohners/einer Bewohnerin nennt, den/die man besuchen möchte.
Das Lager ist eine alte Kaserne, die früher als Erstaufnahme genutzt wurde. Es leben in den lten, ncht renovierten Gebäuden in etwa 450 Flüchtlinge, darunter 50-60 Kinder. Es gibt einen Familienblock, einen Block für alleinstehende Frauen und einen für alleinstehende Männer. Das Sozialamt, Caritas und die Ausländerbehörde befinden sich ebenfalls auf dem Gelände. Die BewohnerInnen müssen das eingezäunte Areal folglich nicht verlassen. Wollen sie dennoch mal in die Stadt fahren, kostet eine Fahrt hin und zurück 4,30€. Das Lager liegt im Industriegebiet , direkt an der Landkreisgrenze. Die BewohnerInnen haben direkt Blick auf den angrenzenden Landkreis, den sie aber auf Grund der Residenzpflicht nicht betreten dürfen.

Zuerst betreten wir den Familienblock. Eine Bewohnerin zeigt uns ihr Zimmer. Sie lebt dort mit ihrem Mann und 2 Kindern in einem Raum auf ca. 24 m2. Um sich etwas Privatsphäre zu sichern, haben sie aus Spinten in der Mitte des Raumes eine Wand gebaut. Pro Stockwerk gibt es für 80 Personen einen Gemeinschaftswaschraum, Gemeinschaftsduschen, Gemeinschaftsküche und -toilette.

60 Mann und eine Dusche - dann lieber zurück

In dem Block der alleinstehenden Männer erfolgt die Belegung der Stockwerke z.T. nach Nationalitäten. Wir betreten, geführt von einem jungen Iraker das Stockwerk, in dem die Iraker untergebracht sind. Es müssen sich bis zu 8 Personen ein Zimmer teilen, Bett an Bett. Die Gemeinschaftsdusche des Stockwerks hat einen Duschkopf, d.h. 50-60 Personen steht eine Dusche zur Verfügung. „Die Dusche ist immer besetzt“, berichtet uns der junge Iraker. Auf dem Gang befinden sich noch 2 Gemeinschaftsküchen und -toiletten und ein Raum mit einer einzigen Waschmaschine, die siet Tagn kaputt ist. Die Bewohner des Stockwerks müssen die Waschmaschine des darunteliegenden Stockwerks benutzen, was im Klartext bedeutet, dass sich in etwa 120 Personen eine Waschmaschine teilen müssen.

Viele der alleinstehenden Iraker sind krank. Wir treffen auf chronisch kranke Menschen, die u.a. an Diabetes und Bluthochdruck leiden, dafür aber keine Medikamente bekommen. Besonders auffällig ist die hohe Anzahl der psychisch-kranken Menschen, bedingt durch das psycho-soziale Umfeld. Bewohner, die ein Hörgerät benötigen, müssen dies durch Stiftungen finanzieren. Auch Brillen werden erst ab 2,5 Dioptrien bezahlt. Bei einigen Bewohnern, die darunter liegen, führt dies zu chronischen Kopfschmerzen.

Wir sprechen mit einem jungen Mann, der im Irak als Übersetzer für die Amerikaner gearbeitet hat. Er berichtet von seiner Isolation in dem Lager und äußert den Wunsch, arbeiten zu können. Das Bett neben seinem ist seit heute morgen leer. Ein Polizist aus dem Irak habe dort geschlafen, der „freiwillig“ in den Irak zurückgekehrt sei. Trotz der Gefahr, dort erschossen zu werden, habe er es in dem Lager nicht mehr ausgehalten.

Ein Bewohner erzählt uns, dass die Kinder in dem Lager sehr gefährlich leben. Es gab bereits Verbrennungen an Herdplatten und neben dem Lager verläuft eine Schnellstraße, die zudem erheblichen Lärm mit sich bringt. Viele der Kinder verhalten sich auffällig. Die StudentInnen erzählen, dass viele Kinder durch das Lagerleben einen psychischen Schaden davon tragen.

Andere Bewohner berichten, dass die Ausländerbehörde den BewohnerInnen häufig das Taschengeld bis auf 0€ streiche. Dann können sie nur in die Stadt laufen und den ganzen Tag dort gar nichts machen, erzählen sie uns.

Die psychische Verfassung der Menschen in dem Lager in Würzburg ist so schlimm wie ihr Redebedürfnis groß ist. Man könnte sich hier ein Jahr lang die Geschichten der BewohnerInnen anhören und selbst das würde nicht ausreichen. Die Stimmung ist so bedrückend, dass wir das Lager bald wieder verlassen.
Nach Verlassen des Lagers umkreisen wir mit dem Wohmobil noch einmal das gesamte Areal. Der Anblick gleicht weniger einer Unterkunft für Menschen, sondern eher einem Gefängnis, in dem Schwerverbrecher inhaftiert sind. Ein Bewohner sagte zu uns: „They don`t treat us like human“.


Abendveranstaltung in Würzburg

Am Abend gibt es ein gemütliches Beisammensitzen im Cafe Klug mit den sehr engagierten und gut organisierten Studentinnen des AK Asyl, dem missionsärztlichen Dienst und dem hiesigen Freundeskreis Asyl. Das informelle Treffen entwickelt sich jedoch zu einem Plenum von insgesamt über 20 Personen, denn neben einer Frau von attack nehmen noch viele Interessierte teil. Man diskutiert über das Lager in Würzburg aber auch über die bayernweite Lage und politische Entwicklung. Die Würzburger Szene ist sehr aktiv und hat bereits erreicht, dass der Stadtrat einstimmig einen Antrag zur Schließung des Lagers in der Veichtshöchheimerstraße angenommen hat. (siehe Link) Hier diskutieren sie schon die Zukunft der Flüchtlinge nach der Schließung der Lager, befürchten nur eine regide bayerische Umverteilungspolitik, eine Konzentration in Großeinrichtungen und die Überforderung der Kommunen, mit der Wohnungsfrage zurecht zu kommen. Die TeilnehmerInnen unseres Treffens setzen sich sehr engagiert für die Füchtlinge in ihrer Stadt ein. Die Studentinnen des AK Asyl betreiben eine Teestube innerhalb der Unterkunft, helfen bei schwierigen Einzelfällen und initiieren Projekte. 
Die Frau von Attac und der Freundeskreis thematisieren zudem die Abschaffung der Residenzpflicht und der Essenspakete.

Wir wurden in Würzburg sehr herzlich empfangen und hatten einen interessanten Austausch mit den jeweiligen Gruppen. Wir würden begrüßen, wenn der Kontakt zu allen TeilnehmerInnen in Zukunft weiterbesteht und man sich zu den Aktionstagen in München vom 11.-14. 06 wieder sieht.

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