21.04.2009
Tag 5: Zirndorf (Franken). Die Erstaufnahmeeinrichtung
Zirndorf: Hinter dem Zaun
Heute besuchten wir die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Zirndorf (bei Nürnberg). Die ehemalige Polzeikaserne ist von einem ca. 2m hohen Zaun umgeben, Einlass nur durch die Pforte. Zum Schutz der BewohnerInnen heißt es. Zirndorf ist interessant für uns, da für den Fall, dass wir uns mit der Forderung nach einer Unterbringung in Privatwohnungen durchsetzen können, Erstaufnahmeeinrichtungen weiter existieren werden. Ob solche Großeinrichtungen wie in Zirndorf, dafür geeignet sind steht heute auf dem Prüfstand. Dafür reden wir mit den BewohnerInnen, der Leitung und SozialarbeiterInnen.
Wir wollen Deutsch lernen
Insgesamt wohnen in Zirndorf 350 Menschen, vor allem alleinstehende Männer aus dem Irak. Maximal drei Monate sollen sie dort sein. Danach werden sie über ganz Bayern verteilt. Erst reden wir mit den unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen. „Das größte Problem ist die Schule“, sagen sie. Nur 45 Minuten am Tag gibt es Deutschunterricht, der von einem freien Träger organisiert wird – die Regierung von Franken sieht erst gar keinen Deutschkurs vor. „Wir sind drei Monate hier, manche sogar acht, da können wir deutsch lernen aber eine Schulstunde am Tag ist zu wenig“. Auch die Familienzusammenführung ist ein Problem, erzählt Amely Weiß. Bei Jugendlichen geht es noch. Mit viel Engagement schafft sie es oft. Bei Menschen über 18 Jahren ist es schwierig. Hier kommt es fast nie vor dass sie zu Verwandten ziehen dürfen. Sind die Verwandten im EU-Ausland geht es auch bei Mingerjährigen nicht.
Wir gehen in den Männertrackt. „Keine Probleme. Zirndorf, alles gut“ ist das erstes was die Leute zum Leben in Zirndorf sagen. Erst als wir erklären, dass wir nicht von der Regierung sind und alles anonym bleibt, fangen die Menschen an zu reden – wir unterhalten uns auf englisch und französisch, ein Mann dolmetscht für uns auf arabisch. Wir gehen durch eine Stahltür in eines der Zimmer. Die Einrichtung ist karg. Hier stehen sechs Metallspinten und sechs Betten, doch acht Personen leben hier – wird uns erzählt. „Es sind noch zwei Iraker dazugekommen, es gab zu viele Probleme in ihrem eigenen Zimmer, mit den anderen Mitbewohnern“, erzählt ein junger Mann. Das Leben mit Fremden in einem Zimmer, verursacht große Probleme. Den Menschen fehlt es an Ruhe, an Privatssphäre und damit an der Möglichkeit ihre Fluchttraumata zu verarbeiten. „Schau dir die Küche an. Nur zwei Herdplatten funktionieren und wir sind 100 Männer“, erzählt ein andere Mann. Kochen ist sowieso schwierig. Als ich einem Palästinensern etwas von meinem Tabak anbiete, kommen immer mehr die Fragen ob sie auch etwas haben können. Zigaretten sind hier ein Luxusgut. Kein Wunder, bei nur 40 Euro Bargeld pro Monat, von dem vor allem zusätzliches Essen gekauft wird. Ein zusätzliches Problem ist die Residenzpflicht. „Wir dürfen nicht nach Nürnberg oder Fürth. Wir dürfen nichts sehen außer Zirndorf. Wir sind doch auch Menschen, warum können wir uns nicht frei bewegen?“, sagt ein Mann. Die Residenzpflicht bringt ein zusätzliches Problem. Es gibt nur ein Internetcafe in Zirndorf, statt 50 Cent pro Stunde wie in Nürnberg kostet es hier 2,50 Euro – das können sich die Flüchtlinge nicht leisten. Die Caritas hat jetzt zwei Internetrechner besorgt. Für 350 Menschen viel zu wenig, aber eine Verbesserung. „Einmal im Monat kann ich jetzt eine E-Mail nach hause schreiben“, erzählt ein Algerier.
Während die Wohntrakte ein sehr tristes Bild abgeben, ist es eine Erleichterung das Sozialzentrum zu besuchen, das in Zirndorf integriert ist. Hier gibt es Farbe statt dem ständigen Grau und Weiß, einen wunderschönen Kindergarten, eine Gesundheitsberatungstelle, ein Cafe und eine Sozialberatung. Die Kinder die aus dem Kindergarten kommen, wirken zufrieden. Das Gesundheitszentrum ist „top ausgelastet“ wird berichtet, konkret heißt das: Der Bedarf an Versorgung nicht gedeckt ist. Über Spenden wird versucht auszugleichen was der Staat nicht leistet: Es werden Brillen, Rollstühle, orthopädische Schuhe, etc. organisiert. Was in dem Sozialzentrum geleistet wird ist beachtlich, doch es fehlt an Stellen um den massiven Problemen der 350 Menschen gerecht zu werden.