Frankfurter Rundschau, 10.02.2004

"Ageeb schrie nach Luft"

Zeugin schildert Kampf des Abschiebehäftlings im Flugzeug

Frankfurter Rundschau: Kurz vor seinem Tod hat Aamir Ageeb mehrmals laut nach Luft geschrieen. Das sagte am Montag vor dem Frankfurter Schöffengericht eine Passagierin des Fluges aus, bei dem der Abschiebehäftling 1999 erstickt war.

Die 54-jährige Sängerin, die beim Zwischenstopp in Kairo den Lufthansa-Flieger verlassen wollte, saß in der vorletzten Reihe, schräg vor Aamir Ageeb, neben einem Beamten des Bundesgrenzschutzes (BGS). Zwei weitere Beamte flankierten den Abschiebehäftling. Alle drei müssen sich in Frankfurt wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Vor Gericht beschrieb die Zeugin, wie der Sudanese während des Startvorgangs unruhig geworden war. Sie habe Erschütterungen an ihrem Sitz gespürt, dann habe der Häftling geschrieen. Einer der Grenzschützer habe sie und ihre elfjährige Tochter mit den Worten "Wir machen ihn ruhig" zu beruhigen versucht. Alle drei hätten Ageeb in den Sitz gedrückt. Es sei zu einem mehrminütigen Kampf gekommen.

Der Sudanese war an Händen und Füßen gefesselt, die Beine zusätzlich mit einem Seil am Vordersitz festgebunden. Außerdem trug er einen Motorradhelm - die damals übliche Methode, um Selbstverletzungen zu verhindern. Als das Zeichen zur Aufhebung der Anschnallpflicht ertönte, war Ageeb vermutlich bereits tot. Das Herunterdrücken so Gefesselter war damals beim BGS durchaus üblich, um Schreien zu verhindern. Das berichtete am Montag ein weiterer Zeuge, der Leiter der für Rückführungen zuständigen BGS-Dienstgruppe 51, Reinhold A. Demnach hätten "alte Hasen", im BGS-Jargon "Altrückführer" genannt, diese Methode jüngeren Kollegen empfohlen. "Es war uns damals nicht bekannt, dass das Herunterdrücken lebensbedrohlich oder überhaupt gefährlich ist", erklärte A. im Zeugenstand. Dennoch betonte der Gruppenleiter mehrmals, dass er selbst diese Methode nie angewandt, sondern immer gewartet hätte, bis die Gefesselten von selbst zu Schreien aufhörten.

Reinhold A. begleitete den Flug nicht, er war lediglich vor dem Start "zur Unterstützung" an Bord, kümmerte sich nach eigener Aussage um die Übergabe der Reisedokumente Ageebs und war auch bei einem Informationsgespräch zwischen seinem eigenen Vorgesetzten und dem Piloten anwesend. Auch in Bezug auf dieses Gespräch gibt es Unklarheiten. Laut Pilot wurde ihm dabei Ageeb als Verbrecher und Mörder angekündigt. Dies haben inzwischen beide BGS-Beamten bestritten.

Deckungsgleich sind die Aussagen dieser höherrangigen Grenzschützer und des Piloten aber in Bezug auf Ageebs Verhalten: Alle haben ihn "ruhig" in Erinnerung. Dies ist entscheidend, denn die leitenden BGS-Beamten hatten die Befugnis, die Abschiebung abzubrechen, solange das Flugzeug am Boden war. Ab dem Moment, in dem sich die Türen schlossen, lag die Entscheidung beim Piloten.

Von Yvonne Holl

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