Süddeutsche Zeitung, 15.06.2005

Bestenfalls ein Bestellsystem

Der Freistaat will an Essenspaketen festhalten

Süddeutsche Zeitung: Zwei Tomaten, eine Zitrone, zwei Orangen, ein Glas Gewürzgurken, 200 Gramm Scheiblettenkäse, 100 Gramm Rinderbierwurst, zwei Becher Milchdessert, 250 Gramm Butter, ein Kilo Brot oder zehn Semmeln, 1,5 Liter Wasser, 1,5 Liter Limonade, l Liter H-Milch, ein Stück Hähnchen, sechs Eier, 500 Gramm Bulgur-Weizen. Das ist ein Beispiel für den Inhalt eines der offiziellen Essenspakete für die Bewohner von Asylbewerberunterkünften in Bayern. Es enthält die Verpflegung für vier Tage.

„Wir hatten viele Probleme damit", sagt Ahmed Darwisch aus Syrien, seit vier Jahren Bewohner der Unterkunft in der Emma-Ihrer-Straße. „Es war nicht genug in den Paketen drin. Und was man nicht mag, kann man auch nicht tauschen, weil alle dasselbe bekommen. Vieles hat man weggeschmissen."

„Der Inhalt der Pakete entspricht nicht den Bedürfnissen der Flüchtlinge und zwingt ihnen fremde Essensgewohnheiten auf", erklärt Asta-Vorsitzender Hans-Peter Reischl. Die Studierendenvertretung unterstützt die derzeitige Essensboykott-Aktion und hilft bei der Notversorgung mit (Essens-)Spenden, unter anderem aus der Großmarkthalle und von einem Biohof. „Jeder Mensch soll selber bestimmen können, was bei ihm auf den Tisch kommt."

Um das zu erreichen, lehnt Ahmed Darwisch ebenso wie weitere rund 60 Asylbewerber aus vielen verschiedenen Ländern seit Anfang Mai die Annahme der Pakete ab. Mit dem Boykott wollen die
Bewohner der Emma-Ihrer-Straße erreichen, dass die Essenspakete abgeschafft werden. Stattdessen soll das Geld, das die Pakete wert sind - nach dem Asylbewerberleistungsgesetz rund 133 Euro pro Monat - in bar ausgezahlt werden.

Matthias Weinzierl, Geschäftsführer des Bayerischen Flüchtlingsrates, hält es für unwürdig, dass die Bewohner ihr Essen nicht selbst einkaufen können. Auch ein Bestellsystem, bei dem die Asylbewerber aus einem Angebot von Lebensrnitteln wählen können, lehnt er ab. Als geringfügige Verbesserung sähe er ein Gutschein- oder Chipsystem, wie es manche Bundesländer einsetzen. Die Asylbewerber können dabei mit Chipkarten in bestimmten Supermärkten einkaufen.

„Kalt lässt uns der Boykott nicht", sagt Andreas Klass, Sprecher des Sozialministeriums. „Wir haben letzte Woche auch stichprobenartig Essenspakete besorgt, um uns den Inhalt anzuschauen und ihn ernährungswissenschaftlich überprüfen zu lassen. Das ist aber nur eine Frage des Wie. Die Frage, ob es Essenspakete gibt oder nicht, steht nicht zur Disposition." Nach Paragraph 3 des Asylbewerberleistungsgesetzes sei man daran gebunden, Sachleistungen statt Bargeld auszugeben. „Das hat ja auch einen gewissen Zweck. Denn Geld wird oft für sachfremde Dinge benutzt."

Als mögliche Veränderung sieht Klass die Einführung eines Bestellsystems. Heute Abend um 20 Uhr findet im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses eine Podiumsdiskussion statt, unter anderem mit Ahmed Darwisch und Ministerialrat Bruno Lischke vom Sozialministerium.

Von Claudia Wessel

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