Münchner Merkur, 11.05.2005

Geld statt Gurke

Flüchtlinge boykottieren die Annahme von Essenspaketen

Münchner Merkur: Eine Gurke. Eine Banane. Eine Packung Toastbrot. "Und jetzt sagen Sie mir mal, was ich daraus kochen soll!", schimpft Richard Joseph Kingo. Vielleicht Gurke auf Toast, mit einem Hauch Bananensoße? Kingo lacht höhnisch auf. Er hat sie satt, die Essenspakete, die er in der Gemeinschaftsunterkunft an der Emma-Ihrer-Straße bekommt. So satt, dass er sich dem Boykott angeschlossen hat.

Vor einer Woche haben 64 Flüchtlinge begonnen, die Pakete nicht mehr anzunehmen. In einer Resolution an die Regierung von Oberbayern fordern sie, dass ihnen der Wert bar ausbezahlt wird. Stein des Anstoßes: der Paketinhalt. "Die Regierung sagt, dass unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt werden", sagt der Nigerianer Sunny Pius Ebilueye. "Von wegen!" Gerade dass darauf verzichtet werde, Muslimen Schweinefleisch anzubieten - mehr Mühe mache man sich nicht.

In einer der rotgestrichenen Baracken ist die Verwaltung untergebracht. "Hausmeister is bad" hat jemand auf den Holztisch vor dem Büro gekritzelt. Das Fenster, an dem er dienstags und donnerstags zu festen Uhrzeiten die Kisten ausgibt, nennen manche nur "das Loch". An der Wand stapeln sich aussortierte Lebensmittel: Müller-Joghurt, Rotkohl im Glas, Babynahrung.

Die Regierung indes ist stolz auf den ausgeklügelten Ernährungsplan. "Es gibt 18 Pakettypen, für den Muslim wie für das Kleinkind", erläutert Sprecher Thomas Huber. Außerdem komme es die Asylbewerber viel billiger, sich auf diese Weise zu ernähren - wegen des Großhandelsrabatts.

Letztlich geht es den Verweigerern nicht nur um den Paketinhalt. Es geht um viel mehr: um Mündigkeit. "Ich will wie ein erwachsener Mensch behandelt werden", fordert Kingo. Wie jemand, der seine Nahrung selbst kaufen kann. 133 Euro stehen Asylbewerbern im Monat für Essen zu: Das Geld steckt als Sachleistung in den Paketen.

"Wir wollen verhindern, dass Essensgelder zweckentfremdet werden", erklärt Andreas Klass, Sprecher des bayerischen Sozialministeriums. Früher sei Bargeld oft in die Heimat geschickt oder von Schlepperbanden erpresst worden. Darum habe man vor einigen Jahren die Essenspakete eingeführt.

Die Asylbewerber halten diese Gründe für vorgeschoben. "Die Regierung will uns nur schnell wieder loswerden", schimpft der Nigerianer Uche Akpulu. "Es fehlt der politische Wille, den Flüchtlingen das Leben erträglicher zu machen", sagt Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat.

Spielraum für die Behörden ist durchaus vorhanden, auch neben dem restriktiven Asylbewerberleistungsgesetz. In vielen Bundesländern bekommen Flüchtlinge Einkaufsgutscheine. In Oberbayern hingegen will man an den Essenspaketen festhalten.

Derweil wollen die Verweigerer durchhalten. Unterstützt werden sie vom Flüchtlingsrat und der Organisation "Karawane": Eine Handvoll ehrenamtlicher Mitarbeiter bemüht sich, Geld- und Essensspenden aufzutreiben - damit der Boykott nicht in einen Hungerstreik mündet. Ob sie notfalls auch dazu bereit seien, werde sich noch zeigen, sagt Ebilueye. Bis jetzt hätten die Spenden erstmal gereicht.

VON CHRISTINE ULRICH

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