Fürther Nachrichten, 09.12.2003

"Ich befürchte das Allerschlimmste"

Mann im Ausreisezentrum leidet unter schwerer Psychose, seine Freunde sorgen sich

Fürther Nachrichten: Vor gut einem Jahr eröffnete das so genannte Ausreisezentrum an der Fürther Hafenstraße. Flüchtlingsorganisationen sprechen konsequent vom "Lager" und prangern menschenunwürdige Zustände für die Bewohner darin an, während Bayerns Innenminister Günther Beckstein vor wenigen Monaten eine positive Bilanz zog.

FÜRTH - Immer wieder aber dringen aus dem umzäunten Containerbau Nachrichten wie jene von Viktor Gusselnikov, der - so die Menschenrechtsorganisation res publica - trotz einer schweren behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung nicht aus dem Ausreisezentrum entlassen wird.

In der Einrichtung halten sich zurzeit 44 Menschen auf. Männer, die vor politischer Verfolgung aus ihrer Heimat flohen oder eine bessere Zukunft in Deutschland erhofften.

Ihre Asylverfahren wurden alle abgelehnt. Sie müssen das Land also verlassen, können jedoch nicht, weil die politische Situation zu Hause in den Kriegsgebieten noch ungewiss ist oder weil die nötigen Papiere fehlen.

Der 58-jährige Viktor Gusselnikov ist einer von ihnen. Er lebt seit einigen Monaten in der Ausreiseeinrichtung ohne gültige Papiere. 1992 floh er als Angehöriger der russischen Minderheit Estlands nach Deutschland. Im oberfränkischen Kronach blieb er zunächst hängen. Karl Rahm war dort einer der Ersten, zu dem Gusselnikov Kontakt knüpfte. "Meine Frau und ich besuchten damals einen Volkshochschulkurs für Russisch, dort lernten wir Viktor kennen, weil der sich dafür interessierte, was Deutsche dazu bewegt, seine Muttersprache zu lernen", erinnert sich Rahm. Zwischen dem stillen, intellektuellen Asylbewerber, wie Rahm ihn beschreibt, und dem Ehepaar aus Kronach entspann sich eine Freundschaft.

Häufige Treffen

Der belesene Mann bekam bald sogar einen Hausschlüssel der Familie, man traf sich häufig, aß gemeinsam und feierte die Geburtstage zusammen. Er litt damals bereits immer wieder unter psychischen Problemen und musste, erinnert sich Rahm, drei Mal in stationäre Behandlung. Im Sommer wurde er in das Zentrum an der Fürther Hafenstraße eingewiesen. Seitdem hat sich sein Zustand rapide verschlechtert.

Karl Rahm, der Gusselnikov vergangene Woche besuchte, ist entsetzt: "Viktor verwahrlost völlig, er wirkt getrieben und schizophren, wird immer wieder von Angstzuständen gepackt. Manchmal traut er sich gar nicht mehr aus dem Zimmer. Ich befürchte das Allerschlimmste."

Alexander Thal von der Organisation res publica ist empört: "Wir sehen darin eine Verletzung des Menschenrechts, die Regierung von Mittelfranken entlässt ihn nicht aus dem Lager und verhindert damit die notwendige ärztliche Versorgung." Die Nürnberger Fachärztin für Psychiatrie, die Gusselnikov immer wieder betreute, ist für ihn nicht erreichbar, da sie selbst erkrankt ist.

Anwalt Hermann Gimpl, der sich zeitweise um die rechtlichen Belange des Mannes kümmert, erinnert sich, dass damals ein Arzt in der Psychiatrischen Klinik kein gutes Gefühl bei dem Gedanken hatte, Gusselnikov in das Ausreisezentrum zu entlassen. Mehrfach habe der Mediziner mit schlechtem Gewissen angerufen.

Bodo Domröse, Sprecher der Regierung von Mittelfranken, betont, dass der Flüchtling ordnungsgemäß in der Einrichtung untergebracht sei. Dafür gebe es sogar eine medizinische Bestätigung, nachdem sich ein Arzt die Örtlichkeiten habe schildern lassen. Zudem könne Gusselnikov jederzeit einen Doktor aufsuchen, wenn er Probleme habe. "Und die Betreuung im Ausreisezentrum ist sogar intensiver", spielt Domröse auf den Wachdienst an, der 24 Stunden vor Ort seinen Dienst tut.

Gusselnikov schreibt jedoch jüngst in einem Brief an seinen Freund Rahm nach Kronach: "Ich versuchte, die Wärter über meine Krankheit zu informieren, (. . .) aber das interessiert niemanden."

MARTINA HILDEBRAND

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