Neuburger Rundschau, 28.10.2005

Patenschaften für Flüchtlingsfamilien?

30 Interessierte diskutierten beim "Runden Tisch", wie Lebenssituation der Asylbewerber verbessert werden kann

Interessiert hörten die Besucher des "Runden Tisches" den Berichten der Lagerbewohner zu. Unser Bild zeigt unter anderem Bettina Häring, Dr. Vallabh Patel [Achter von links] sowie Lagerbewohner Debru Zewdie Ejeta [daneben] und Alexander Thal
Neuburger Rundschau: Als sie vor gut einem Monat die Kundgebung der Lagerbewohner in der Innenstadt gesehen hat, war für Yvonne Wagner sofort klar: Sie will etwas für die Flüchtlinge tun. Nach Absprache mit dem Bayerischen Flüchtlingsrat und der Caritas kam der Ergotherapeutin die Idee, einmal im Monat Familien mit Kindern in ihre Praxis einzuladen. Während die Kinder turnen, malen oder töpfern, könnten die Eltern bei Kaffee und Kuchen über ihre Bedürfnisse sprechen.

Genau solche Ideen und Initiativen sind es, die sich der Bayerische Flüchtlingsrat in Neuburg öfter wünscht. Das erste Treffen in der Praxis in der Rosenstraße 104 soll am 26. November von 13 bis 17 Uhr stattfinden. Auch ein Familientherapeut und eine Sozialpädagogin machen bei der Aktion mit.

In Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation "res publica" hatte der Flüchtlingsrat am Mittwochabend zu einem "Runden Tisch" ins Gemeindezentrum der Christuskirche geladen, wo rund 30 Flüchtlinge, Stadträte, Mitarbeiter der engagierten Wohlfahrtsverbände, ehrenamtliche Helfer und andere Interessierte über die Situation in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Neuburg diskutierten. Neben den Stadträten Bettina Häring (FDP), Theo Walter (Grüne), Alfred Hornung (CSU), Horst Gutjahr und Vallabh Patel (SPD) zeigte auch Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröter (Die Linkspartei) Interesse.

Suche nach Ehrenamtlichen

Wie Alexander Thal und Miriam Leitner vom Bayerischen Flüchtlingsrat erklärten, ziele der "Runde Tisch" darauf ab, möglichst viele Menschen zu motivieren, sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge einzusetzen. "Wünschenswert wäre es, wenn am Ende der Gespräche eine Art Arbeitskreis Flüchtlingslager oder AK Asyl stehen würde", erklärte Thal.

Wie berichtet, hatten Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft mit Protestschreiben der Zeitung "Neubürger Nachrichten" und einer Kundgebung in der Innenstadt auf die ihrer Ansicht nach unzumutbaren Zustände in der Unterkunft aufmerksam gemacht. Auch am Mittwochabend meldeten sich zahlreiche Lagerbewohner zu Wort und berichteten den Zuhörern von ihren Problemen, die von willkürlich zusammengestellten Lebensmittelpakten über Platznot und den hygienischen Verhältnissen bis hin zu unverständlicher Residenzpflicht reichen. Auch die Isolation von den anderen Stadtbewohnern macht vielen zu schaffen. "Warum müssen wir im Lager wohnen? Wir sind Gefangene hier, wir wollen aber auch ein normales Leben haben", betonte beispielsweise der Iraner Aziz Pargari. Ein anderer Lagerbewohner stellte der Runde die Frage, warum die Deutschen zum Beispiel für arme Kinder in Afrika spendeten, aber die Kinder der Asylbewerber vor Ort vergessen. Um daran etwas zu ändern, erarbeitete die Runde einige Vorschläge, die jetzt geprüft Werden sollen. Bettina Häring regte an, Paten für Familien zu suchen. "Diese Paten könnten bei ihrer Familie dann einmal in der Woche nachfragen, was sie brauchen und die Flüchtlinge unterstützen, sei es mit frischem Obst, einem Shampoo oder sonst etwas", so Häring. Anke Gaadt, die selbst aus Rumänien kommt und das Lagerleben kennt, berichtete von einem Projekt, bei dem Schüler jeden Monat einen Euro für die Flüchtlinge spendeten und so jeweils 500 Euro zusammenkamen. Alexander Thal bat die Kreisräte darum, im Kreistag einige Anfragen bezüglich rechtlicher Unklarheiten zu stellen. Übrigens war weder ein Vertreter des Landratsamtes noch der Regierung von Oberbayern anwesend.

Dieses Fehlen entscheidungsbefugter Gäste soll sich beim nächsten Mal ändern. "Machen können wir hier gar nichts. Wir müssen versuchen Leute her zukriegen, die uns helfen können", sagte Theo Walter, der sich allerdings gleichzeitig - wie mehrere andere Redner - skeptisch über die Handlungsbereitschaft der Regierung äußerte. Schließlich heißt es in einer bayerischen Verordnung, dass die Lebenssituation der Flüchtlinge die Bereitschaft zur Ausreise fördern soll.

Abschiebung immer Thema

Der nächste "Runde Tisch" soll am Mittwoch, 23. November, um 19 Uhr stattfinden. Dazu kommentierte eine Lagerbewohnerin: "Wenn wir da sind, kommen wir. Wenn sie uns abschieben, dann nicht.



Einfach dazugehören

Kommentar

Dass sich die Asylbewerber in der Neuburger Gemeinschaftsunterkunft in letzter Zeit lautstark über die Lebensumstände im Lager beschweren, ist bei einigen Menschen auf Unverständnis gestoßen. Die Flüchtlinge sollten froh und dankbar sein, dass sie in Deutschland aufgenommen werden und hier "in Frieden" leben können, argumentieren die Wortführer. Dem muss man entgegenhalten, dass die meisten der Flüchtlinge in der Tat froh und dankbar für die Hilfe ihrer Gastgeber sind. Aber kann man ihnen wirklich verdenken, dass sie sich dagegen wehren, in Lagern untergebracht und ausgegrenzt zu werden? Die leidenschaftlichen Berichte der Flüchtlinge über ihre Lebensumstände beim "Runden Tisch" haben gezeigt, dass es ihnen nicht in erster Linie darum geht, ob sie eine Banane statt einem Apfel in ihrem Essenspaket haben, sondern darum, dass sie dazugehören - darum, dass auch ihnen jemand zuhört, darum, dass auch sie ernst genommen werden. Für ihn seien Kontakte wichtig, sagte ein Iraner. Gerade aus diesem Grund setzt der Bayerische Flüchtlingsrat auf die kleinen Zeichen wohlwissend, dass die zuständige Regierung von Oberbayern wenig Interesse für die Sorgen der Asylbewerber hat. Aufgerufen sind hingegen die Neuburger, einen Schritt auf die Flüchtlinge zuzugehen und sie als das zu sehen, was sie sind, nämlich gleichwertige Mitbürger. Nichts anderes würden wir uns wünschen, wenn wir Ausländer in einem fremden Land wären.

Evelin Ullmann

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