Frankfurter Rundschau, 05.02.2004

Pilot hielt Ageeb für "Mörder"

Schwere Vorwürfe gegen BGS in Prozess um Tod des Sudanesen

Frankfurter Rundschau: Im Prozess um den Tod des 1999 bei einer Flugabschiebung erstickten Sudanesen Aamir Ageeb hat eine Flugbegleiterin die drei angeklagten BGS-Beamten schwer belastet. Der Flugkapitän sagte, Grenzschützer hätten Ageeb als "Mörder" bezeichnet - eine klare Fehlinformation.

Frankfurt a. Main · 4. Februar · Wie die Flugbegleiterin am Mittwoch vor dem Amtsgericht Frankfurt sagte, wurde der Kopf des sitzenden Ageeb in der Lufthansa-Maschine während der ganzen Startphase - mindestens sechs Minuten - nach unten gedrückt. "Ich habe mich gefragt, warum das nötig ist, einen an Armen und Beinen gefesselten Mann, der noch einen Helm auf den Kopf trägt, auch noch niederzudrücken." Wenige Minuten nach dem Start hatte Ageeb bereits das Bewusstsein verloren und erstickte. Die drei Beamten sind der fahrlässigen Tötung angeklagt.

Die Zeugenaussagen der Crewmitglieder brachten weitere Details ans Licht. So hielt der Pilot den Abzuschiebenden für einen "Verbrecher und Mörder". Dies hätten ihm zwei Bundesgrenzschützer gesagt. Quer durch den Flieger bauschte sich diese Information offenbar immer mehr auf: Vom "dreifachen Mörder" hatte ein Steward seiner Kollegin berichtet, eine Flugbegleiterin hatte von einem "Mörder und Vergewaltiger" gehört. Nichts davon stimmt: Ageeb wurde nach Angaben seines früheren Anwalts und jetzigen Nebenklage-Vertreters der Angehörigen, Dietrich Kornblum, zwei oder dreimal angezeigt, unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung. "Meines Wissens wurden alle Verfahren eingestellt", so Kornblum.

Unklar blieb, wie oder durch wen die Fehlinformationen in Umlauf gebracht wurden. Der damalige Vize-Dienstgruppenleiter des Bereichs Rückführung beim BGS am Flughafen, Michael A., war einer der beiden, die den Kapitän informierten. Vor Gericht bestritt er, von einem "Mörder" gesprochen zu haben. Zeuge Michael A. musste sich zwischenzeitlich wie auf der Anklagebank fühlen.

Staatsanwaltschaft wie Verteidiger hielten dem Vorgesetzten der BGS-Beamten eine Dienstanweisung von 1997 vor, wonach Plastikfesselungen in Jets nicht gestattet sind. A. gab an, er kenne das Papier nicht. Er habe nach einer Verfügung von 1998 gehandelt, wonach solche Fesseln zulässig sind - doch ist dabei nicht von Fesselung in Flugzeugen die Rede. A. widersprach nicht, als einer der Verteidiger von "vielen, teils widersprüchlichen Verfügungen" sprach.

Eine weitere Dienstvorschrift spielte an diesem zweiten Verhandlungstag eine wichtige Rolle: Und zwar die Anweisung der Lufthansa, wie ihr Personal in Notfällen zu handeln habe. Nach Ansicht der Gruppe "Ärzte in sozialer Verantwortung" haben die Flugbegleiter vorschriftswidrig keine Hilfe geleistet, sondern sich auf die BGS-Beamten sowie hinzugerufene Ärzte verlassen. Die Gruppe erwägt mit Pro Asyl eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung.

VON YVONNE HOLL

Zurück