Neuburger Rundschau, 22.09.2005

Protestmarsch vom Lager in die Stadt

Am Samstag Demonstration und Kundgebung der Asylbewerber – Bayerischer Flüchtlingsrat unterstützt Aktion

Neuburger Rundschau: Die Menschen im Neuburger Flüchtlingslager gehen an die Öffentlichkeit, um die Bürger der Stadt auf die nicht nur ihrer Meinung nach völlig unzureichenden Verhältnisse im Lager an der Donauwörther Straße aufmerksam zu machen. Wie bereits ausführlich berichtet, haben einige Dutzend Asylbewerber einen Protestbrief an die Regierung von Oberbayern verfasst. Nachdem keine Reaktion zur Verbesserung der Situation erfolgt ist, kommt es nun am Samstag zu einer großen Kundgebung.

Unterstützt wird die Aktion vom Bayerischen Flüchtlingsrat, der seinen Sitz in München hat. Matthias Weinzierl ist einer der Geschäftsführer der Organisation, die sich um die bayerischen Lager und die vielen damit verbundenen Einzelschicksale kümmert. Weinzierl war in den vergangenen drei Monaten mehrfach in Neuburg, um sich selbst von den Missständen zu überzeugen und Einzelgespräche mit den Bewohnern zu führen. Er kann die Kritik der Menschen aus beinahe aller Herren Ländern absolut verstehen, denn er hat mit eigenen Augen gesellen, was von offizieller Seite - unter anderem zuletzt auch in einer Presseerklärung der Regierung von Oberbayern an unsere Zeitung - bestritten wird. Darüber hinaus ist der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates völlig überrascht, „dass in Neuburg ein so großes Lager zwar fast im Zentrum liegt, aber dennoch so absolut isoliert ist von der Stadt und dem Leben darin“.

Eben in diesem Punkt sieht der Bayerische Flüchtlingsrat eine gute Ansatzmöglichkeit, denn inzwischen werden in Neuburg Menschen gesucht, die den Lagerinsassen beistehen und helfen wollen. Sei es durch kleine materielle Hilfen oder aber durch „deutschsprachige“ Begleitung beispielsweise bei Behördengängen oder Arztbesuchen. „Es hilft oft schon sehr viel, wenn die Leute im Lager halbwegs regelmäßig Besuch von Deutschen bekommen...“ weiß Weinzierl aus guter Erfahrung von großen Lagern im Münchener Gebiet. Dem Flüchtlingsrat ist bei allen Maßnahmen an Nachhaltigkeit gelegen. Auch, was die eigene Initiative anbelangt: Wir gehen da nicht hin, um schnell mal was zu tun und uns dann nicht mehr dort sehen zu lassen", verspricht Weinzierl eine dauerhafte Betreuung für das Lager Neuburg.

5000 Flugblätter verteilt

Bei der Demonstration am Samstag will man die Neuburger Bevölkerung wachrütteln und auf die Situation im Lager aufmerksam machen. In Vorbereitung dieser Kampagne wurden in den vergangenen Tagen 5000 Flugblätter unter dem Titel „Neubürger Nachrichten - Neues von ihren Nachbarn“ im Innenstadtbereich verteilt. Darin schildern Lagerbewohner ihre Lebensverhältnisse und üben massive Kritik an der Wohnsituation oder der Behandlung durch behördliche Stellen. Es sei kein Problem gewesen, Betroffene zu finden, die sich trauten, die Missstände so öffentlich aufzuzeigen. „Die haben alle gesagt: „Wir haben ja nichts mehr zu verlieren...“

Das Flugblatt zeigte bereits Wirkung. Nicht nur Pfarrer Gerhard Steiner von der Christuskirche habe inzwischen seine Unterstützung zugesagt, auch weitere Privatpersonen hätten sich gemeldet, und angefragt, wie man helfen könne. Darüber hinaus hätten inzwischen auch caritative Stellen den Kontakt gesucht, freut sich Weinzierl über den ersten guten Ansatz. Der Bayerische Flüchtlingsrat und die Menschen im Lager hoffen, bei der Kundgebung am Samstag weitere Mitstreiter zu finden. Der Demonstrationszug setzt sich um 11 Uhr in Bewegung, etwa gegen 12 Uhr wird dann eine Kundgebung am Schrannenplatz oder am Spitalplatz stattfinden. Dort sprechen neben Matthias Weinzierl auch einige Flüchtlinge, um den Zuhörern ihre Lebensverhältnisse im Lager zu schildern.

Bereits an Vorabend findet für die Flüchtlinge im Versammlungsraum der Christuskirche eine Informationsveranstaltung statt, zu dem auf Einladung des Flüchtlingsrates auch eine Fachanwältin für Ausländerrecht aus München kommen wird. „Viele Menschen im Lager in Neuburg wissen überhaupt nicht über die juristischen Hintergründe ihres Aufenthaltes Bescheid'", begründet Weinzierl die Notwendigkeit umfassender Aufklärung zur Rechtslage.

Ob die Protestkundgebung Verbesserungen im Lager nach sich ziehen wird, steht freilich in den Sternen. Die Regierung von Oberbayern hat bekanntlich erklärt, dass dazu keinerlei Notwendigkeit bestehe. Der bayerische Flüchtlingsrat bedauert diese Einschätzung. „Unlängst haben wir für ein Lager in Landshut was gemacht und da hat die Regierung von Niederbayern sofort reagiert," so Matthias Weinzierl.

Von unserem Redaktionsmitglied Harald Jung


Schattenseiten

Kommentar

Hier Glanz und Gloria mit den Prachtbauten aus Ottheinrichs Zeit, dort das Flüchtlingslager mit Zuständen, unter denen die meisten von "uns" keine Stunde ihres Lebens verbringen wollten. Die rund 400 Kinder, Frauen und Männer in den alten Kasernengebäuden an der Donauwörther Straße haben hingegen gar keine andere Wahl: Sie müssen dort sein und bleiben, ob sie wollen oder nicht. Das ist die Schattenseite einer Stadt im Jubiläumsjahr - obwohl das Lager natürlich nicht unter "städtischer" Aufsicht steht. Aber es liegt in deren Mauern und deshalb wird Neuburg in den nächsten Tagen nicht gerade im günstigsten Medienlicht stehen, wenn der Bayerische Flüchtlingsrat in einer bundesweiten Presseerklärung auf die Situation der Asylbewerber hier aufmerksam macht.

Ungeachtet dieser Negativwerbung ist den Verantwortlichen der Demonstration am Samstag zu wünschen, dass sie Bürgerinnen und Bürger finden, die bereit sind, für die Mitmenschen im Lager "Deutsch" zu sprechen, wenn wieder einmal ein Gang zum Ausländeramt ansteht, oder wertvolle kleine Hilfestellungen in verschiedensten Lebenslagen erforderlich sind. Wenn das gelingt, kann die Schattenseite bald in ein günstigeres Licht gerückt werden.

Harald Jung

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