Neuburger Rundschau, 26.09.2005

Ruhige Demonstration der Flüchtlinge

Nur ein kleiner Zwischenfall in der Innenstadt - Lagerbewohner schildern ihre Lebensverhältnisse - Nur Linke-MdB dabei

Neuburger Rundschau: Samstag, 11 Uhr. Auf dem Parkplatz vor der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber an der Donauwörther Straße herrscht ein unverständliches Sprachengewirr. Männer wie Frauen diskutieren und gestikulieren. Obwohl es ruhig und sachlich zugeht, ist die Unruhe und die Aufgeregtheit, die in jedem Einzelnen steckt, nicht zu übersehen. Wenige Meter von der kleinen Gruppe entfernt haben sich Beamte der Polizeiinspektion Neuburg postiert. Sie warten bis der Startschuss für die Demonstration fällt, mit der die Bewohner der Unterkunft die Öffentlichkeit auf die ihrer Meinung nach unerträglichen Lebensbedingungen hinweisen wollen.

Eigentlich sollte sich der Zug längst in Bewegung setzen. Noch fehlen aber nicht nur die von den Asylsuchenden selbst gefertigten Transparente, sondern auch die Mehrzahl der Teilnehmer lässt auf sich warten. "Sie haben Schiss und fürchten sich vor Repressalien", so ein Vertreter der Menschenrechtsorganisation res publica. Er und seine Helfer sowie jene vom Bayerischen Flüchtlingsrat gehen in die Unterkünfte um nachzusehen. Mittlerweile haben sich auch einige Mütter mit Kleinkindern eingefunden. Die Zahl der Demonstranten wird langsam größer. Am Ende mögen es etwas knapp über 100 gewesen sein, die Aufstellung nehmen. Bereitwillig geben sie den Medienvertretern und vor laufenden Kameras Auskunft. Plötzlich zeigen sich alle kämpferisch und entschlossen.

"Genug von den Essenspaketen"

Die ersten Transparente werden ausgerollt. "Wir haben genug von eurem Essenspaket", "Wir wollen Arbeit, aber wir dürfen nicht", "Schafft Lager für Menschenrecht ab", oder "Deportation is a crime", ist zu lesen. Als der Demonstrationszug mit mehr als einstündiger Verspätung in die Donauwörther Straße einbiegt, skandieren die Teilnehmer "Wir wollen Integration - wir wollen Arbeit". Auch Kinder halten kleine Transparente, mit denen sie auf die Missstände hinweisen. Die Anspannung hat sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Fäuste recken sich in die Höhe, rhythmisches Klatschen verleiht den Forderungen Nachdruck.

Passantin stürzt sich auf Fahne

In der Innenstadt kommt es zu einem kurzen Zwischenfall: Eine Passantin versuchte einem Demonstrationsteilnehmer wutentbrannt die irakische Fahne zu entreißen. Die Ordnungshüter haben die Situation jedoch schnell im Griff, Die Demonstration verläuft alles in allem friedlich. Sie findet mit einer Kundgebung auf dem Schrannenplatz ihr Ende. Viele der Beteiligten machen dabei nochmals auf ihr Schicksal aufmerksam. So auch der 32-jährige aus Äthiopien stammende Student Debru Zwedie Ejta. Seit 1997 läuft sein Asylantrag. Er wurde 2000 abgelehnt. Seitdem gilt er als "Geduldeter" und nahezu ohne Rechte. Der Iraker Ghafur Abdulrahmann Schukur war 13 Jahre als Krankenpfleger in einem Bagdader Militärkrankenhaus. Weil er sich weigerte, in Sadam Husseins Baath-Partei einzutreten, wurde der Druck auf ihn und seine Familie immer größer. Schukur floh deshalb vor Beginn des US-Angriffs auf den Irak nach Deutschland. Nachdenklich macht auch das Schicksal von Elvisa Baldic aus Bosnien, Mutter von drei kleinen Kindern. Das Leben in der Unterkunft empfindet sie als Hölle. Laut ihrer Aussage bekommt sie kein Geld. Nach Aussage der Behörde müsse sie sich einen Pass besorgen und für die Kinder die Geburtsurkunden aus Jugoslawien. "Doch alle drei Kinder sind in Deutschland geboren und laut Landratsamt haben die in Deutschland ausgestellten Geburtsurkunden keine Gültigkeit", klagt die junge Mutter.

Der Beispiele gebe es noch genug. Auf dje Frage nach der Hoffnung, ob sich aufgrund der Demonstration etwas zum Besseren wende, gibt es bei den meisten Beteiligten nur ein Achselzucken. Politiker zeigten an der Veranstaltung ohnehin kaum Interesse. Mit von der Partie war allerdings Eva Bulling-Schröter aus Ingolstadt, die neugewählte Bundestagsabgeordnete von der Linkspartei.

Manfred Reichl

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