Donaukurier, 28.10.2005

Schockierendes am Runden Tisch

Flüchtlinge im Asyllager

Donaukurier: Die Resonanz hat überrascht. Voll besetzt war das Gemeindezentrum der Christuskirche am Mittwochabend beim so genannten Runden Tisch zur Situation der Flüchtlinge im Asyllager. Seit der Demonstration der Bewohner Ende September in der Innenstadt, ist das brisante Thema wieder im Blickpunkt. Zwar stets präsent in der Stadt, aber nicht in der Köpfen der Bewohner, waren die Asylanten davor , was Stadträtin Bettina Häring bestätigte: "Ich bin erst durch Berichte über die Demo aufgerüttelt worden." Zusammen mit vier weiteren Stadträten ( Alfred Hornung, Theo Walter, Horst Gutjahr und Vallabh Patel), MdB Eva Bulling-Schröter, Vertretern der Caritas – wie Flüchtlingsberater Wolfgang Amler – und anderen Wohlfahrtsverbänden aber auch privaten Helfern war sie der Einladung des Flüchtlingsrates und der Menschenrechtsorganisation res publica gefolgt, um sich Gedanken zu machen: "Was können wir tun?"

Schockierendes hatte das gute Dutzend Flüchtlinge im Gepäck, als sie die Räte auf den neuesten Stand ihrer Situation brachten: Eine Toilette müsse sich ihre vierköpfige Familie mit zwei weiteren teilen, erzählte Elvisa Bakic. "Ich habe eine Nierenentzündung bekommen, von der ganzen Hygiene", sagte die 17-jährige Maida Murselovic sarkastisch.

Doch so verschieden die knapp 300 Menschen aus fast allen Kulturkreisen der Welt in dem Lager sind, so unterschiedlich auch ihre Nöte und Wünsche. Von hoch emotional bis überlegt nüchtern redeten sie sich ihren Frust etwas von der Seele: Essenspakete, Residenzpflicht, Kriminalisierung und vieles mehr.

Das Schockierende an den Erzählungen: "Im Lager hat sich in den letzten 15 Jahren nichts verändert", sagte Horst Gutjahr. "Die Zustände waren schon immer schlimm", ergänzte Theo Walter. Die Stadträte mussten sich das alles erzählen lassen, weil sie das Lager noch nicht besichtigen durften. Eine Anfrage von OB Bernhard Gmehling an die Regierung von Oberbayern – die das Lager verwaltet – blieb bisher unbeantwortet. Der OB will in Kürze nachhaken.

Viel Hoffnung auf Änderung konnten die Stadträte aber nicht verbreiten. "Ich weiß, wie schwer es ist, in Bayern etwas mehr Humanität in diese Lagersituation zu bekommen", sagte Horst Gutjahr. Die Lagerverwaltung – erwartungsgemäß nicht anwesend – könne zwar etwas ändern, "wenn dies politisch gewollt wäre", so Alexander Thal von res publica. Die Lagersituation solle schließlich die freiwillige Ausreise fördern. Thal berichtete auch von "Ungereimtheiten im Landratsamt" im Umgang mit den Flüchtlingen. Geburtsurkunden für hier geborene Kinder würden nicht anerkannt, die Residenzpflicht so restriktiv gehandhabt "wie nirgends sonst". Mit Hilfe von Rechtsanwälten will die Organisation zeigen, "da ist jemand, der darauf schaut", doch das Geld fehlt.

Am Ende des Abends hatten die Hilfswilligen ein paar Ideen gesammelt, beispielsweise einen Spendenaufruf oder Patenschaften für die Flüchtlinge angedacht. "Wir haben ein paar Baustellen", resümierte Alexander Thal. Viel mehr war von dem ersten Kennenlernen wohl auch nicht zu erwarten, schon die positive Resonanz werteten alle als Erfolg.

Theo Walter brachte es aber auf den Punkt: "Wir sind ein netter Kreis, aber machen können wir nichts." Vielmehr müsse man Regierungsvertreter hinzuholen, die etwas entscheiden könnten. In vier Wochen setzen sich alle Beteiligten wieder zusammen, um zu überlegen, wie das am besten gelingt.

Christian Rehberger

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