Neuburger Rundschau, 13.02.2008
Therapeutische Hilfe nach Folter und Verfolgung
Refugio Hilfsorganisation möchte Zweigstelle in Neuburg eröffnen. Noch Übersetzer gesucht
„In München haben wir sehr viele Leute zur Behandlung, die von weiter her fahren. Auch aus Neuburg kommen viele, da es hier ja eine der größten Unterkünfte in Süddeutschland gibt“, erklärt Refugio-Geschäftsführerin Anni Kammerlander. Wie berichtet, sind rund 400 Asylbewerber in Neuburg untergebracht. In München ist die Warteliste lang, außerdem ist es je nach Aufenthaltsstatus kompliziert, eine Fahrtgenehmigung dorthin zu erhalten.
Alle zwei Wochen Therapie vor Ort in Neuburg
Geplant ist, dass alle zwei Wochen vor Ort in Neuburg zwei Refugio-Mitarbeiterinnen eine Therapie anbieten. Beatrix Weidinger ist dabei für die Erwachsenen Patienten zuständig, Gisela Framhein als Kinder- und Jugendtherapeutin tätig, Beatrix Weidinger schätzt, dass 25 bis 30 Prozent der Flüchtlinge ein Trauma haben. „Das ist zum Beispiel die Folge des Bürgerkriegs. Bei den Frauen gibt es viele Vergewaltigungsopfer", berichtet die Therapeutin. Ein Trauma entstehe generell aus Situationen, in denen man keine Kontrolle mehr über das eigene Leben habe. „Dann gibt es viele irakische Flüchtlinge, die im Gefängnis gefoltert worden sind." Besondere Aufmerksamkeit brauchen die Kinder. Manche von ihnen mussten mit ansehen, wie Angehörige vor ihren Augen gequält oder sogar getötet wurden.
„Was wir am Anfang häufig zu hören bekommen, ist, dass die Menschen ständig Alpträume haben, dass sie nicht schlafen können, Angstzustände haben und das Geschehene immer wieder durchleben", erzählt Beatrix Weidinger. Ziel der Refugio-Mitarbeiterinnen ist es, dass sich die Menschen wieder besser fühlen. „Uns geht es darum, zu stabilisieren und die Flüchtlinge so zu stärken, dass sie ihre Erinnerungen bewältigen können", erklärt die Therapeutin.
Dolmetscher in den gängigen Sprachen noch gesucht
Im Moment ist Refugio in Neuburg mit der Kontaktaufnahme beschäftigt. Die Mitarbeiterinnen stellen sich bei allen Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitsbereich vor, die mit der Flüchtlingsunterkunft zu tun haben. Sehr wichtig sei auch der Kontakt zu den Behörden, wie etwa mit dem Ausländeramt.
Ob Refugio in Neuburg erfolgreich arbeiten kann, hängt auch davon ab, ob sich für die gängigen Sprachen Dolmetscher finden. Kleinere Flüchtlingsgruppen mit selteneren Sprachen werden wohl auch weiterhin nach München fahren müssen.
Finanziert wird die Arbeit von Refugio über verschiedene Zuschüsse. Die Hälfte der Mittel stammt laut Anni Kammerlander aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds und der Rest muss über Spenden und Stiftungsmittel aufgebracht werden. Denn die Flüchtlinge haben ja selbst kein Geld und auch keine Krankenversicherung, die eine Therapie übernimmt.
Übersetzer gesucht: Refugio sucht in Neuburg dringlich noch Dolmetscher für die Sprachen arabisch, türkisch und russisch. Wer diese und auch das Deutsche gut beherrscht und Interesse an einer solchen Tätigkeit hat, kann sich bei Refugio München, Telefon 089/982957-0 melden.
Kommentar
Nötige Hilfe
Die Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge ist ein heikles Thema. Viele Bürger sind wenig glücklich über die Einrichtung, die viele soziale Probleme mit sich bringt. Mit einer der größten Unterkünfte Süddeutschlands ist eine kleine Stadt wie Neuburg sicherlich besonders belastet.
Umgekehrt wäre es auch den Flüchtlingen lieber, wenn sie nicht auf engstem Raum gezwungener Maßen zusammen leben müssten. Vielleicht ändert sich ja eines Tages das Ausländerrecht und macht das Lager in Neuburg überflüssig. Doch bis dahin gilt es trotz aller Schwierigkeiten nicht zu vergessen, dass es Menschen sind, die hier zusammenleben. Menschen, die oft Schreckliches mitgemacht haben, bevor sie in Deutschland und dann in Neuburg gelandet sind.
Die geplante Zweigstelle der Hilfsorganisation Refugio hier vor Ort ist auf alle Fälle erfreulich. Dass Flüchtlinge und gerade auch Kinder nach Erlebnissen wie Gewalt, Verfolgung und Folter, therapeutische Hilfe brauchen können, ist absolut nachzufühlen. Eine solche ehrenamtliche Initiative hat jede mögliche Unterstützung verdient.
Gönül Frey
