Landsberger Tagblatt, 15.07.2005

"Was sollen wir mit 40 Euro anfangen?"

Asylbewerber protestierten gestern gegen Essenspakete - Regierung: In 2006 soll ein Bestellsystem eingeführt werden

Landsberger Tagblatt: 80 Asylbewerber aus vieler Herren Länder protestierten gestern Vormittag vor dem Zufahrtstor zur Gemeinschaftsunterkunft (GU) gegen die von der Regierung zugeteilten Essenspakete. Auf großen Transparenten wiesen sie darauf hin, dass die Lebensmittel von geringer Qualität seien und überhaupt nicht den unterschiedlichen individuellen und kulturellen Bedürfnissen der Flüchtlinge entsprächen.

Zwei Mal pro Woche, jeweils am Dienstag und Donnerstag, werden die Lebensmittel angeliefert. „Vor allem für Kinder fehlen in den Kartons Obst, Gemüse und Milch", macht Yazelewahab Mohamadi aus Afghanistan aufmerksam, der vor vier Jahren mit seiner Familie in die GU in Landsberg gekommen ist. „Und dann sind zehn Joghurts drin, die wir in zwei Tagen aufessen sollen", wundert sich der Asylbewerber aus Afghanistan.

„Was sollen wir mit 40 Euro Taschengeld pro Monat anfangen?" Dies fragt sich eine Flüchtlingsfrau, die sich wie die anderen vehement gegen die Sachleistungen wehrt und stattdessen für mehr Geld und Kleidergutscheine ausspricht.
„Wenn meine Kinder mit alten Klamotten in die Schule kommen, werden sie von den Mitschülern schief angeschaut", berichtet sie. Mit 40 Euro habe sie jedoch keine Möglichkeit, für ihre Schützling etwas Neues zu kaufen, teilt die Asylbewerberin mit.

Hajir Omar aus Afghanistan beklagt, dass die Nahrungsmittel mitunter ganz nahe am Verfallsdatum zugestellt würden. Überhaupt sei die Zusammenstellung der Essenspakete nach seiner Meinung „sehr unausgewogen".

Vor dem Zufahrtstor zur Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber in Landsberg protestierten gestern Flüchtlinge gegen die nach ihrer Meinung willkürlich zusammengewürfelten Essenspakete. Sie plädierten stattdessen für Geldleistungen, damit sie sich das Essen selbst besorgen könnten. Wie die Regierung mitteilte, soll in 2006 für die Verpflegung ein Bestellsystem eingeführt werden.

Auf gesundheitliche Probleme der Bewohner werde bei Essen und Trinken überhaupt keine Rücksicht genommen, so eine weitere Klage, die am Zufahrtstor zur Gemeinschaftsunterkunft ein paar Mal zu hören war. So dürfe zum Beispiel eine kranke Frau kein Mineralwasser mit Kohlensäure trinken. Trotzdem werde ihr das ständig zugeteilt.

Organisiert wurde der Essenspakete-Boykott von der Vereinigung „Karawane" aus München, die sich nach eigenem Bekunden für die Rechte der Flüchtlinge und Migrantinnen einsetzt. Wie deren Sprecher Hans-Georg
Eberle erklärte, solle diese Kampagne bayernweit durchgeführt werden. In der Emma-Ihrer-Straße in München hatten sich nach seinen Worten 60 Flüchtlinge längere Zeit an diesem Boykott beteiligt. Sponsoren machten es möglich, sie mit Essen zu versorgen.

„Vorerst wird die Regierung von Oberbayern an der bisherigen Praxis festhalten, den Lebensunterhalt von Asylbewerbern in oberbayerischen Gemeinschaftsunterkünften grundsätzlich in Form von Sachleistungen zu gewähren", teilte deren Pressesprecher Dr. Thomas Huber gestern auf Anfrage mit.

Im ersten Halbjahr 2006 solle jedoch für die Verpflegung von Asylbewerbern ein Bestellsystem eingeführt werden, kündigt er an. Durch Sachleistungen solle laut Dr. Huber verhindert werden, dass Bargeld zweckentfremdet werde, dass Leistungberechtigte insbesondere unter den Druck von Schlepperorganisationen gerieten oder Geld an ihre Angehörigen in ihren Herkunftsländern überwiesen. Darüber hinaus, so Dr. Huber, sollten finanzielle Anreize zum weiteren Verbleib für ausreisepflichtige Personen verhindert werden.

Ernst Hofmann

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