Süddeutsche Zeitung, 22.03.2004

Wie das Gesetz es befiehlt

Trotz schwerer Unruhen: Der 16-jährige Valenton soll mit seiner Familie in den Kosovo abgeschoben werden

Süddeutsche Zeitung: Das Tor ist leer. Valenton ist bisher drin gestanden und den Bällen hinterher gehechtet. Der Torwart der "Harras Bulls", einer Mannschaft der Interkulturellen Münchner Straßenfußball-Liga, sitzt jetzt in Stadelheim in Abschiebehaft. Valenton ist 16 Jahre alt, er war sechs, als er mit seiner Familie geflohen ist. Nun sollen er, seine zwei jüngeren Geschwister und seine Mutter zurück in den Kosovo, dorthin, wo es jetzt wieder zu brennen beginnt.

Es war am vergangenen Dienstag, als es an der Tür des Klassenzimmers geklopft hat. Noch bevor die Lehrerin die Tür öffnen kann, stehen zwei Polizisten im Raum, sagen, sie wollen Valenton mitnehmen, weil er angeblich ein Handy geklaut hat - und wegen der Abschiebung. Das aber sagen sie leise zur Lehrerin. Dann ist er weg, von einer Minute auf die andere, zurück bleiben seine Klassenkameraden. Sie können sich nicht einmal verabschieden.

Für die Ausländerbehörde im Kreisverwaltungsreferat ist die Sache klar: "Seit 1997 weiß die Familie, dass sie ausreisen muss", sagt Sprecher Christopher Habl. Seit Januar dieses Jahres lebten die Vier illegal in München, die Mutter sei untergetaucht, und das KVR habe die Gesetze zu vollziehen. "Humanitäre Gründe prüfen wir nicht", das sei Sache des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge und der Gerichte. Valentons werde so bald als möglich abgeschoben, notfalls auch einzeln. Denn Valenton ist mit seinen 16 Jahren de facto volljährig, so steht es im Ausländergesetz.

Danica Stanojevic, die Anwältin der Familie, ist wütend: "Die benutzen Valenton als Druckmittel." Mit seiner Inhaftierung wolle man die Mutter zur Aufgabe bewegen. Eine Petition der Familie hat der Landtag mit dürren Worten abgelehnt, es läuft noch eine Beschwerde der Mutter beim Verwaltungsgericht. Außerdem hoffe die Familie auf das neue Zuwanderungsgesetz, vielleicht bringe das ja ein Bleiberecht.

Doris Plank, die Lehrerin, sitzt bei Rüdiger Heid im Büro im Jugendzentrum "IG Feuerwache" im Westend. Heid hat die Interkulturelle Straßenfußball-Liga in München aufgebaut, ein außergewöhnlich erfolgreiches Integrationsprojekt für 1500 junge Kicker aus aller Welt unter dem Motto "Bunt kickt gut". Alle drei Kinder spielen seit Jahren in verschiedenen Teams, sind gut integriert. Doris Plank sagt: "Valentons Mitschüler sind total entsetzt." Er ist auf die Schule zur Erziehungshilfe gegangen. Ja, sagt die Lehrerin, er war ein schwieriger Schüler, "aber es ist toll, wie er sich entwickelt hat". Geschlichtet habe er bei Streit zwischen den Mitschülern, sich rührend um die Kleinen gekümmert. Er hat Praktika gemacht, war zuverlässig, hat eine Lehrstelle als Parkettleger in Aussicht, wenn er in vier Monaten seinen Schulabschluss hätte. Seine Klassenkameraden haben einen Brief verfasst, schreiben, dass sie "geschockt" sind von "dieser brutalen Lösung".

Murat, der elfjährige Bruder Valentons, kommt ins Büro von Rüdiger Heid. Er erzählt, wie er vor ein paar Wochen morgens von der Polizei abgefangen wurde, wie sie ihn allein auf die Polizeiinspektion gebracht haben, wo später auch seine Schwester, die 13-jährige Valentina, hingebracht wurde. Die haben sie aus dem Unterricht rausgeholt, und dann haben sie die Kinder sechs Stunden lang da sitzen lassen und immer wieder die eine Frage gestellt haben: Wo ist die Mutter?

Die Mutter ist untergetaucht, Rüdiger Heid hat Kontakt zu ihr. "Sie flüstert am Telefon nur noch, sie hat Angst." Seit Monaten lebe die Familie in Panik, speziell die Mutter, die traumatisiert sei vom Krieg in der alten Heimat und von ihrem gewalttätigen Ex-Mann. Sie fürchtet die Familie des Ex-Mannes im Kosovo. Heid sagt, seit vier Jahren, seit er die Familie kennt, habe die Mutter immer gearbeitet, nie Sozialhilfe gebraucht. Zu viert haben sie auf 18 Quadratmeter in einer Barackenunterkunft gelebt. Die Kinder waren drei Jahre lang im Heim, weil die Mutter überfordert war. Trotz aller Probleme, in die Kriminalität sei auch Valenton nicht abgerutscht. "Im Kosovo aber hätte er keine Chance", sagt Heid, erst recht, wenn er alleine abgeschoben werde. "Alle Erziehungsbemühungen wären damit zunichte gemacht."

Murat ist ungeduldig, will wieder raus zum Bolzen in den Hof des Jugendzentrums. Er spielt bei den "Harras Boys", seine Schwester bei den "Harras Ladys". Murat fragt: "Wann kommt Valenton wieder raus?" - "Wir wissen es nicht", meint Rüdiger Heid. Das KVR sagt: Erst im Kosovo. Dort, wo einen Tag nach Valentons Festnahme wieder schwere Unruhen begonnen haben mit all den Toten.

Von Bernd Kastner

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