Frankfurter Rundschau, 25.08.2003

"Wir vermitteln an Ärzte, die ohne Krankenschein behandeln"

Matthias Weinzierl vom Münchener "Café 104" kümmert sich um Eingewanderte ohne Papiere

Frankfurter Rundschau: Die Debatte über die Reform des Sozialstaates bewegt Politik und Parteien. Wo aber sehen die Praktiker des Sozialstaates die Schwierigkeiten? Wie könnte Abhilfe geschaffen werden? Diesen Fragen gehen FR-Korrespondenten nach. Diesmal spricht Iris Hilberth mit Matthias Weinzierl, Mitarbeiter des Bayerischen Flüchtlingsrats und zuständig für das "Café 104" in München.

Frankfurter Rundschau: Wer kommt ins "Café 104"?

Matthias Weinzierl: Wir wenden uns an Leute, die ohne Papiere in Deutschland leben und von der öffentlichen Gesundheitsversorgung ausgeschlossen sind. Oft kommen auch Migranten, die einfach jemanden brauchen, der ihnen mal zuhört, mit dem sie über ihre Probleme als "Illegale" und das Leben in der Anonymität reden können. Wenn sie medizinische Hilfe benötigen, vermitteln wir sie an Ärzte, die sie ohne Krankenschein behandeln.

Wer zahlt das?

Wir im Café arbeiten ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen. Zum Glück haben wir vergangenes Jahr den Förderpreis "Münchner Lichtblicke" bekommen. Die Ärzte behandeln die Leute kostenlos. Laborrechnungen aber übernehmen wir.

Woher wissen die Menschen, dass sie bei Ihnen Hilfe bekommen?

Es gab mal eine Postkarten-Aktion, und wir haben Flugblätter ausgelegt. Meistens läuft es aber über Mund-zu-Mund-Propaganda, oder die Leute werden von Beratungsstellen geschickt. Wir werden jetzt wieder mal eine solche Aktion starten, weil wir umgezogen sind. Wir müssen aber erst noch ein paar ehrenamtliche Mitarbeiter finden, damit wir die Leute auch alle betreuen können. Denn die Dunkelziffer derer, die den Weg zu uns noch nicht gefunden haben, ist sehr hoch.

Wie viele Ärzte machen mit, und wie sind sie zu dieser Initiative gekommen?

Bei der Gründung des "Café 104" vor fünf Jahren - damals noch in der Thalkirchner Straße 104, daher der Name - haben wir alle Ärzte in München angeschrieben. Derzeit haben wir einen Stamm von etwa 30 Medizinern, vom Zahnarzt bis zur Frauenärztin. Zum Glück zählt auch ein Chefarzt der Uniklinik dazu, bei dem wir uns jeder Zeit Ratschläge holen können.

Gibt es seitens der Ärzte keine Bedenken, dass sie sich strafbar machen könnten, weil sie den illegalen Aufenthalt ermöglichen?

Für Ärzte ist das kein Problem. Sie machen sich nicht strafbar. Außerdem ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, denn sie haben einen Eid abgelegt. Für sie kann es einfach nicht sein, dass Menschen keine medizinische Versorgung bekommen. Es betrifft schließlich eine gar nicht so kleine Gruppe, die da jenseits der Gesellschaft lebt. Wir rücken aber auch keine Telefonnummern von den Ärzten raus. Die Termine vereinbaren wir. Und der Arzt weiß dann, woher die Leute kommen.

Was passiert, wenn es sich nicht nur um Zahnschmerzen handelt, sondern um schwer wiegende Krankheiten, bei denen womöglich eine Operation notwendig wird?

Diesen Fall hatten wir noch nicht. Unsere Kollegen in Nürnberg aber haben auch schon mal eine Geburt geregelt.

Gab es schon mal Ärger mit den Behörden?

Nein. Am Anfang in der Thalkirchner Straße ist mal ein Polizeibeamter vorbeigekommen. Aber das war's dann auch schon. Da besteht kein großes Interesse, etwas zu unternehmen. Das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München hat im Rahmen einer Studie über Illegalität auch durchblicken lassen, es dabei zu belassen. Das ist ganz wichtig für uns.

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