Donaukurier, 26.09.2005

"Wir wollen endlich arbeiten und normal essen"

120 Asylsuchende aus Asien und Afrika demonstrierten gegen die Bedingungen im Neuburger Flüchtlingslager

Auch Flüchtlingskinder demonstrierten auf Geheiß ihrer Eltern in Neuburg für bessere Lebensbedingungen in der Asylunterkunft.
"Weg mit dem Lager für Menschen" - mit dieser Parole demonstrierten am Samstag etwa 120 Asylsuchende und Sympathisanten in Neuburg gegen die Verhältnisse im örtlichen Regierungslager. Flüchtlinge vorwiegend aus Irak, Iran und Zentralafrika stellten den vom Bayerischen Flüchtlingsrat München organisierten Protestzug. Neuburger Polizeibeamte begleiteten die Marschierer von der Unterkunft an der Donauwörther Straße bis zum Spitalplatz.

Der Protest begann mit Anlaufschwierigkeiten. Die Organisatoren waren zu spät aus München angekommen und hatten dann Probleme, ihre kleine Lautsprecheranlage aufzubauen. Die Polizisten warteten geduldig über eine Stunde, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Alles lief friedlich ab, es gab keine Konflikte. Eine junge Frau riss einem Iraner die Nationalflagge aus der Hand. Es war ihr Ex-Freund.

Außer der Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schröter (PDS) beteiligten sich offenbar keine Politiker. "Sie haben das Recht, ihre Meinung deutlich zu machen", kommentierte ein Passant auf der Luitpoldstraße. Die meisten Einheimischen kennen die Asylunterkunft und die gelegentlichen Demos. Seit Mitte der 70er Jahre sind Wellen von Asylsuchenden angekommen: Zuerst Pakistani und Inder, Palästinenser, dann Kosovo-Albaner, Osteuropäer, Zentralafrikaner, zuletzt Flüchtlinge aus Irak und Iran.

Das Lager an der Donauwörther Straße - zeitweise mit 500 Menschen aus 40 Nationen belegt - wird seitdem toleriert, von einem Getto kann man nicht sprechen. Allerdings verhindert allein die Sprachbarriere mehr Kontakte zwischen Asylsuchenden und Einheimischen. "Die Flüchtlinge sind regelrecht isoliert von der Stadt", meint Matthias Weinzierl, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates mit Sitz in München. Er organisiert deshalb mit Helfern den Protest gegen die Lebensbedingungen. Eine Zeitung (5000 Auflage) ist verteilt, Unterschriften sind gesammelt und mit Beschwerdebriefen an die Regierung von Oberbayern geschickt worden.

Unzufrieden zeigen sich die, Bewohner mit den schlechten Hygieneverhältnissen in den Unterkunftsbaracken. Drei Mann belegen ein Zimmer. Familien wohnen vorne im Familienblock. Der Zorn richtet sich auch gegen die Essensausgabe. Jeweils dienstags und donnerstags gibt es für jeden Bewohner Essenspakete. Die Flüchtlinge verlangen Geldauszahlung, um ihre Lebensmittel selber einkaufen und zubereiten zu können. Der Freistaat Bayern hat diese Praxis längst eingestellt. Missbrauch war einer der Gründe: So mancher Empfänger hat den erhaltenen Betrag in Alkohol umgesetzt oder im Spielsalon verbraucht.

Sowohl das einjährige Arbeitsverbot als auch die Sammelunterbringung deuten darauf hin: Der Gesetzgeber will den Aufenthalt der Flüchtlinge nicht gerade "attraktiv" gestalten. Es geht um einen Zeitraum, in dem versucht wird, die Berechtigung des politischen Asylgesuchs zu überprüfen. 80 Prozent der Antragsteller werden abgelehnt und müssen in ihr Heimatland zurück. Nicht wenige tauchen vor der Abschiebung unter und versuchen ihr Glück in einem anderen Bundesland.

"Das Lager muss weg", skandierten die Protestierer in Neuburg. "Schluss mit dem staatlichen Rassismus", stand auf einem anderen Transparent. Ein Sprecher der Regierung von Oberbayern stellte vor einigen Tagen mündlich und schriftlich fest, dass "Essen und Unterkünfte in Neuburg ordnungsgemäß sind". Es gebe keinen Handlungsbedarf. Ghafur Schukur (38), 2003 aus seiner Heimat Bagdad nach Neuburg gekommen, sieht das anders: "Das Flüchtlingslager macht alle verrückt". Stabile Neuankömmlinge würden nach kürzer Zeit krank. Neuerdings ist es angeblich Mode geworden, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen.

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