Bayern 1 Mittagsmagazin, 24.05.2005

„Wir wollen selber bestimmen, was wir essen“

Flüchtlinge in der Emma-Ihrer-Straße verweigern Annahme von Essenspaketen

Bayern 1 Mittagsmagazin: 20 Flüchtlingsheime gibt es in München. Darin wohnen Menschen aus den verschiedensten Nationen zusammen, teilsweise erst kurz, teilweise schon Jahre. Versorgt werden sie durch Lebensmittelpakete und Sachspenden der Landesregierung. 64 Flüchtlinge im Heim in der Emma-Ihrer-Strasse verweigern seit mittlerweile drei Wochen die Annahme dieser Essenspakete. Ihre Forderung: selber zu bestimmen, was sie essen. Wie die Regierung von Oberbayern darauf reagiert und wie lange die Flüchtlinge ihren Protest aufrecht erhalten wollen, dazu Jana Nolte:

Beitrag: Zweimal in der Woche kommt ein Transporter in die Emma-Ihrer-Straße und lädt vor dem Flüchtlingsheim Pakete aus: Das ist die Essensration für die nächsten Tage. Zwischen sieben und acht Uhr früh oder dann wieder zwischen zehn und elf können sich die Bewohner die Pakete abholen. Wer nicht kommt, hat Pech und muss bis zur nächsten Lieferung warten, erzählt Rokan Ammo. Mit ihrer Familie lebt sie seit neun Jahren im Flüchtlingsheim, das heißt: Seit neun Jahren isst sie, was ihr die Regierung von Oberbayern zusammenstellen lässt:

„Wenn wir Geld bekommen, können wir uns selber aussuchen, was wir essen. Das wäre besser. Bei den Essenspaketen gibt es deutsches Essen, das wir nicht essen, Krautsalat oder so. Ich weiß nicht, wie das heißt.“

Unterstützt werden die Protestierenden vom Bayerischen Flüchtlingsrat und der Organisation „Karawane“. Die Flüchtlinge würden zu Menschen zweiter Klasse degradiert, indem man ihnen das Recht verweigert, ihre Nahrung selbst zu wählen, so Matthias Weinzierl vom Flüchtlingsrat.

„Die zentrale Forderung ist einfach, dass das Geld, das für die Essenpakete ausgegeben wird, den Menschen als Bargeld ausbezahlt wird, damit die Leute bestimmen können, was sie essen. Das Recht, zu bestimmen, was man auf seinem Teller hat quasi zurückzugeben.“

Dem Argument, den Flüchtlingen würden oftmals fremde Essgewohnheiten aufgezwungen, widerspricht Katja Gründel, stellvetretende Sprecherin der Regierung von Oberbayern. Bei 18 verschiedenen Paketsorten sei für jeden Geschmack und jede Glaubensrichtung etwas Passendes dabei.

Geld zahle man deswegen nicht aus, weil es oft nicht so verwendet würde, wie sich das die Regierung vorstellt:

„Es besteht die Gefahr, dass, wenn Geldmittel ausgegeben werden, dass das Geld nicht für Essen ausgegeben wird, sondern für Schlepperbanden evtl. oder dass das Geld in die Heimat geschickt wird zu Verwandten, so dass die Versorgung der Asylbewerber nicht gewährleistet ist.“

Außerdem sei die Ausgabe von Sachleistungen an Flüchtlinge durch die Bundesgesetzgebung vorgeschrieben.

Tatsächlichaber berufen sich andere Bundesländer auf einen Entscheidungsspielraum und zahlen die Leistung in Gutscheinen oder Bargeld aus. Ein Grund: die Kosten. Die Gegner der Essenspakete führen nämlich an, dass Sachleistungen deutlich mehr Kosten verursachen als Gutscheine oder Bargeld.

Den eigentlichen Grund für die Essenspakete vermutet Matthias Weinzierl vom Flüchtlingsrat ganz woanders:

„Ich glaube, was man durchaus sagen kann: es geht darum, abzuschrecken. Also ganz klar zu machen, dass Flüchtlinge in diesem Land nicht erwünscht sind und deswegen die Lebensbedingungen von Flüchtlingen künstlich so unangenehm und so unmöglich machen, dass sie als Abschreckung dienen.“

Solange der Protest anhält, organisieren der Flüchtlingsrat und die Organisation „Karawane“ die Versorgung der Flüchtlinge in der Emma-Ihrer-Straße durch Spenden. Zur Zeit ziehen die Mitarbeiter der Organisationen durch die anderen Münchner Flüchtlingsheime und machen die Bewohner darauf aufmerksam, dass sie nach drei Jahren in Deutschland einen Antrag auf Geld- statt Sachleistungen stellen können. Dass die Regierung von Oberbayern sofort einlenkt, glaubt auch Matthias Weinzierl nicht. Wichtig ist ihm aber, dass die Diskussion überhaupt mal begonnen hat.

von Jana Nolte

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