Süddeutsche Zeitung, 05.11.2004

Zu viel Reis, zu wenig Öl

In Münchens Flüchtlingsunterkünften leben 3600 Menschen aus aller Welt - ein Problem ist die Versorgung mit Speis und Trank / Den Prozess um in Paketen abgepacktes Essen für Asylbewerber hat Oberbayern verloren

Süddeutsche Zeitung: „Dass hier lauter asoziale Leute leben, ist Blödsinn", sagt Herr M., Mitarbeiter des Asylantenheims in der Emma-Ihrer-Straße, der sich gerade in Rage spricht und seinen Namen nicht gerne in der Zeitung liest. Sogar ein Atomphysiker habe hier schon gewohnt. Natürlich, manchmal knalle es, weil hier 300 Leute aus verschiedensten Ländern zusammenleben müssen. Und natürlich komme die Polizei deshalb öfter mal vorbei. Herr M. macht dabei eine energische Geste; fast so energisch wie die Handbewegung der afrikanischen Frau, die nur wenige Meter von ihm weg steht.

Die Afrikanerin schweigt. Sie kennt die nervige Prozedere, das sich hier vor dem Büro des Herrn M. abspielt. Jedes Mal wieder liegt etwas in ihrem Essenspaket, das sie nicht leiden mag. Diesmal ist es der Chinakohl, den sie mit einer Hand packt und missmutig aus ihrem Korb wirft - hinein in einen anderen Plastikkorb, der auf einem Tisch steht, und in dem schon mindestens zehn andere Köpfe Chinakohl liegen, außerdem Kohlrabi, zwei Säcke grüne Bohnen, eine Packung Quark und eine Dose Roggenschrotbrot. Es ist Essensausgabe, heute, am Donnerstag, von 10 Uhr bis 11 Uhr.

Rund 3600 Asylanten in staatlichen Gemeinschaftsunterkünften in München beziehen Sachleistungen in Form von Essens- und Hygienepaketen - anstatt einer Geldauszahlung, die es ihnen ermöglichte, selbst zu entscheiden, was auf den Mittagstisch kommt. Und das, obwohl 167 von ihnen Barleistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz zustehen würden. Doch die Regierung von Oberbayern vertritt seit Jahren hartnäckig das Sachleistungsprinzip: Pakete, und zwar für alle. Seit Jahren liegt sie deshalb im Clinch mit der Stadt München, die sich für die Geldleistungen einsetzt, aber an Weisungen der Regierung gebunden ist.

Zum ersten Mal hat nun eine Flüchtlingsfamilie gegen das Sachleistungsprinzip geklagt - und Recht bekommen. Das Urteil ist vor zwei Wochen rechtskräftig geworden, weil es die Regierung schlicht versäumte, in Berufung zu gehen. In seiner Urteilsbegründung sprach das Verwaltungsgericht deutliche Worte: Die Gewährung von Sachleistungen auf Grund der bisher getroffenen Entscheidungen sei rechtswidrig. Dies könnte es anderen Flüchtlingen zwar erleichtern, in erster Instanz ebenfalls zu gewinnen. Doch Oberbayern kündigte bereits an, bei weiteren Klagen wenn nötig durch die Instanzen zu gehen. Die meisten Flüchtlinge wissen von dem Urteil ohnehin nichts und auch nichts von den Querelen zwischen Stadt und Regierung.

Zwei Mal in der Woche holen sie sich ihre Essenspakete ab, wie die Afrikanerin, die in dem Raum vor dem Büro von Herrn M. steht und ihre Essenskisten aussortiert. Für jedes Familienmitglied gibt es eine Kiste; und hat die Familie nicht ein Kind aufzubieten, heißt das: die selbe Kiste in mehrfacher Ausfertigung. Das, was die Afrikanerin an Lebensmitteln behält, legt sie in einen Penny-Einkaufswagen. Darin liegen zum Beispiel bereits fünf Sechserpackungen Eier und drei Gurken. Die Szene hat fast was Karibisches: nicht nur, weil die kleine Tochter mit der Orange in der Hand geflochtene Zöpfe trägt. Der Raum in seiner spartanischen Einrichtung mit den gelben Wänden, der knallgelben Theke, die durch weiß lackierte Fensterläden verschließbar ist - das alles ähnelte einem Kramerladen auf Jamaika, würde da nicht aus dem offenen Fensterladen ein deutscher Beamter hervorlugen, kurz nicken und lächeln. Ein wenig unangenehm scheint ihm das zu sein, in diesem Moment so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Jeder Asylbewerber, der von ihm ein Essenspaket möchte, muss sich bei ihm ausweisen. Die Afrikanerin hat das schon hinter sich und auch die ältere muslimische Dame, die mit einem schwarzen Kopftuch bedeckt herein kommt, schenkt dem Beamten keine Beachtung mehr. Sie ist nur gekommen, um wie auf einem Basar in jenen Kisten zu kramen, in die de Afrikanerin eben erst den Chinakohl geworfen hat. Ihre Hände schieben die Bohnen beiseite und den Quark, dann greift sie nach dem Kohlrabi. Dafür sind die Kisten gedacht: damit sich dort die einen nehmen können, was die anderen nicht mögen.

Die Zusammenstellung der Essenspakete, erzählt Herr M., basiere auf Nährwertberechnungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Selbst das Kantinenessen der Bundeswehr basiere auf diesen Kalkulationen. „Außerdem", sagt Herr M., „gibt es inzwischen auch unterschiedliche Pakete für unterschiedliche Nationalitäten." Mehr Reis für die Asiaten zum Beispiel. Und möglichst kein Blaukraut für Afrikaner. Es gibt aber auch Probleme mit den Paketen, physischer und psychischer Natur - doch davon erzählt Herr M. nichts. Nichts davon, dass viele Flüchtlinge die H-Milch nicht vertragen und Lebensmittelallergien bekommen; nichts davon, dass es für manche herabwürdigend ist, essen zu müssen, was einem vorgesetzt wird.

„Paketessen nicht gut", sagt Sadiye, 45, eine Irakerin, die vor acht Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland flüchtete. Sadiye, eine zurückhaltende Frau mit wachen, freundlichen Augen, hat ihr Paket schon abgeholt und ins Gebäude Nr. 4 gebracht, den Gang entlang, vorbei an den Gemeinschaftsbädern und der Gemeinschaftsküche. Die Böden und Wände hier sind gefliest, auf jeder Seite des Raums reiht sich auf einer Ablageplatte Zweier-Kochplatte an Zweier-Kochplatte, im Gang, von dem die Zimmer abgehen, riecht es nach abgestandener Luft. Dann, endlich, Sadiyes Wohnung: zwei Zimmer, in denen sieben Leute leben - zwei Töchter, drei Söhne, sie und ihr Mann. Das Problem, sagt Sadiye, sei der Reis. Der stapelt sich, weil sie Reis nicht vertragen, er gehört nicht zur Essenskultur ihres Volkes. Andererseits das Speiseöl: Davon gibt es zu wenig. Eine Flasche pro Monat reiche nicht aus, deshalb müsse sie sechs weitere Flaschen jeden Monat im Supermarkt kaufen und das von 40 Euro Taschengeld. So viel erhält in der Regel jeder Asylant zusätzlich zu den Paketen, pro Kind werden weitere 20 Euro ausgezahlt.

Der Bayerische Flüchtlingsrat spricht von „Entmündigung" durch die Pakete und davon, dass man den Flüchtlingen das Leben schwer machen wolle. Zudem kämen die Pakete viel teurer als Geldauszahlungen, schon allein der Logistikkosten wegen. Das Bayerische Sozialministerium sieht das anders: Die Sachleistungen seien billiger. „Dann", kontert Monika Steinhauser, Geschäftsführerin des Münchner Flüchtlingsrats, „hat die Staatsregierung zugegeben, dass die Qualität der Pakete nachgelassen hat." Der Geldwert der Pakete entspreche nicht mehr den vorgeschriebenen 15 Euro. Auch hätten sich Merkwürdigkeiten in den Paketen gehäuft. So habe man schon Zott-Joghurt mit tschechischer Beschriftung darin gefunden und Mineralwasser, das laut Aufschrift „bei Vollmond abgefüllt wurde". „Mit dem Inhalt kann man sich nicht vernünftig ernähren", sagt Steinhauser. Dienen sie dann, wie das Sozialministerium hofft, der „Abschreckung"9 Monika Steinhauser schüttelt den Kopf. „Welcher politisch verfolgte Flüchtling entscheidet sich bei der Wahl zwischen Gefängnis oder Essenspaket für das Gefängnis?"

Von Tanja Schwarzenbach

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