Flüchtlingslager Schongau: „It's a mental human prison“

Holzbaracke am Stadtrand, kein Deutschkurs, keine Hausaufgabenbetreuung

Lagerkarte

Leben in der Industriebrache

Bericht vom Besuch der LagerInventour2009 am 21.04.09 in Schongau

Heute besuchen wir unser letztes Flüchtlingslager, die Unterkunft in Schongau. Befreundete Bewohner, mit denen wir über das Deutschland-Lagerland-Netzwerk in Kontakt kamen, haben uns eingeladen. Als wir in Schongau ankommen, läuft uns beim Anblick der dürftigen, länglichen Holzbaracken ein kalter Schauer über den Rücken. Das Lager liegt außerhalb der Stadt inmitten einer Industriebrache. Lautes Hundegebell, Fabriklärm und die totale Abgeschiedenheit erzeugen eine unheimliche Atmosphäre.

Es erwarten uns bereits Flüchtlinge, Ehrenamtliche vom Freundeskreis Asyl und der Caritasberater Marinus Riedl. Mit Stühlen und herumstehenden Sperrmüll-Couchen bilden wir vor dem Lager eine große Runde und kommen schnell ins Gespräch.

Tier- und Menschenasyl am Rande der Stadt

Das Lager besteht seit Anfang der 90er Jahre und hat eine Kapazität von 80-90 Personen. Derzeit leben hier äußerst beengt 40 bis 50 Flüchtlinge in zwei Holzbaracken, ausgestattet mit je zwei Toiletten und einer Gemeinschaftsküche. Weit ab von der Stadt liegt das Lager zwischen Fabriken, die ab 5.00 Uhr in der Früh geräuschvoll ihren Betrieb aufnehmen. Der Lärm ist unerträglich, erzählen uns die BewohnerInnen. Nebenan ist ein Tierheim und die dort lebenden Hunde bellen Tag und Nacht.

Der Alltag im Flüchtlingslager – „It`s boring and frustrating“

„Wir fühlen uns verlassen“ sagt eine BewohnerIn. Sie hat ein kleines Kind im Alter von ein Jahr und acht Monaten, das in dem Lager geboren wurde. Sie wohnt mit ihrer Tochter und ihrem Mann in einem kleinen Zimmer von vielleicht 12 qm, für ein Kinderbett haben sie keinen Platz. Sie erzählt, dass es hier keinerlei Privatsphäre gebe. „Jeder macht was er will, die Dusche ist schmutzig und das Klo dreckig.“ Sie macht sich wegen der hygienischen Zustände große Sorgen um ihre Tochter.
„It`s boring and frustrating“ meint ein anderer Bewohner. Weit außerhalb von allem gibt es hier nicht viel zu tun. Eine Fahrt in die Stadt kostet viel Geld, die Bushaltestelle ist zudem weit entfernt und Kontakt zu den EinwohnerInnen von Schongau gibt es wenig. „You can`t mix with them“ erzählt ein Flüchtling.

Neben der totalen Abgeschiedenheit ist ein weiteres Problem die Residenzpflicht. „I don`t know my limitations, they dont give us a map“ klagt ein junger Mann und erzählt, wie man schnell in die Kriminalität abrutscht. Bereits nach dreimaliger Übertretung der Landkreisgrenze bekommen die Flüchtlinge eine Anzeige. „It`s a mental human prison“ meint der junge Mann.

Die einzige Spielmöglichkeit für die Kinder, die im Schongauer Lager leben müssen, ist ein kleiner Spielplatz, bestehend aus einer Schaukel und einem Sandkasten. Dieser wurde von einer privaten Stiftung finanziert und durch bürgerschaftlichen Engagements errichtet. Die Regierung von Oberbayern, als zuständige Behörde, war jedoch nicht bereit für diese, kostenlos zur Verfügung gestellten Spielgeräte eine Trägerschaft zu übernehmen. Den Spielplatz existiert jedoch trotzdem, weil eine private Organisation bereit war, die vorgeschriebene Trägerschaft zu übernehmen. Die zuständige Verwaltung zeigt wenig Bereitschaft, den BewohnerInnen minimale Lebenserleichterungen zu ermöglichen – armes Oberbayern. 

Im Winter haben die Kinder keine Beschäftigung und springen von einem zum anderen Zimmer. Außerdem sei es im Winter unmöglich, einen Kinderwagen zur weit entfernten Busstation zu schieben, erzählt uns eine junge Frau.

Die kleinen Zimmer sind mit bis zu vier Personen belegt. Da die Holzbaracken verkleidete Container sind, hat man in den Zimmern keine Ruhe. Durch dünne Wände und durch Ritzen dringt der Lärm der angrenzenden Zimmer. Die BewohnerInnen stopfen deshalb alles Mögliche in die Freiräume, um sich vor dem Lärm zu schützen. Die schlecht isolierte Unterkunft heizt sich im Sommer stark auf und im Winter ist die Kälte kaum auszuhalten. Das Warmwasser reicht nicht für alle BewohnerInnen, es kommt zu langen Wartezeiten, bis sich das Wasser wieder erhitzt hat.
 
„You think Germany is a paradise?“

Wir erkundigen uns nach dem Verhältnis zur zuständigen Ausländerbehörde in Weilheim. Schnell wird unsere Gesprächsrunde ziemlich aufgeladen. Ein Name fällt häufig und immer wieder negativ auf. Es ist der Name von Herrn Estermann, dem Leiter der Weilheimer Ausländerbehörde: Nahezu alle BewohnerInnen, mit denen wir sprechen konnten, fühlen sich von ihm schlecht behandelt. Herr Estermann verhalte sich ihnen gegenüber äußerst aggressiv, er übe Druck auf sie aus und drohe ihnen, bei kleinsten Anlässen mit der Polizei und Inhaftierung. Ein Bewohner berichtet, wie er Herrn Estermann zur Begrüßung die Hand reichen wollte, ein üblicher Vorgang unter zivilisierten Menschen, habe Herr Estermann seine Hand demonstrativ hinter seinen Rücken verschränkt. Deutlicher kann man seine Ablehnung nicht zeigen. Ein albernes und unreifes Verhalten, dass der Behördenleiter hier an den Tag legt. Taschengeldkürzungen von 10% (bei 40,00 € im Monat!) sind gängige Sanktionsmaßnahmen, auch in Weilheim. Viele der Flüchtlinge sind extrem eingeschüchtert und haben vor jedem Besuch der Ausländerbehörde Angst und Stress. Ein Bewohner, der wegen einer Arbeitserlaubnis vorspricht, erhält von Herrn Estermann die saloppe  Antwort „Nein und tschüss“. Wollen die BewohnerInnen eine Genehmigung beantragen, um den Landkreis zu verlassen, um z.B. Freunde zu besuchen, lässt er sich deren Adresse geben und ruft diese zur Überprüfung an. „Er hat kein Talent, mit Menschen umzugehen,“ meint ein Bewohner und „er bräuchte dringend ein Training für diese Arbeit“. Zu einem der Bewohner habe Herr Estermann einmal gesagt: „You think Germany is a paradise?“

Der Freundeskreis Asyl

Der Freundeskreis Asyl, der seit 2001 existiert, besteht aus sechs festen Ehrenamtlichen. Diese geben einmal pro Woche einen Deutschkurs. Einen zugänglichen Gemeinschaftsraum hat das Lager nicht. Es gibt lediglich eine Holzhütte, ebenfalls von einer Stiftung gesponsert, den Schlüssel haben aber nur der Freundeskreis und der Caritasberater Marinus Riedl. Herr Riedl ist alle 14 Tage in dem Lager anwesend, was bei weitem nicht ausreicht. Darüber hinaus unternimmt der Freundeskreis Asyl gelegentlich mit den BewohnerInnen Ausflüge und initiiert Feste. Darüber hinaus gibt es einmal pro Woche einen Kaffee-Treff.

Leben in gähnender Langeweile

Zuletzt meldet sich ein Besucher zu Wort, der selbst nicht in dem Lager wohnt. Als Außenstehender gibt er uns ein Bild davon, wie er das Leben in dem von ihm oft besuchten Lager sieht. „The people are always afraid for the police – for nothing“ sagt er und fordert „give them working permission“. Aber selbst Arbeitengehen stellt sich als Problem dar. Haben die BewohnerInnen beispielsweise einen Arbeitsplatz in der Gastronomie, so kommen sie abends nicht mehr nach Hause. Der letzte Zug nach Schongau fährt um 12.00 Uhr.

Die psychische Belastung der Flüchtlinge in Schongau ist spürbar groß. Die totale Abgeschiedenheit und der schlechte bauliche Zustand des Lagers wird von der restriktiven Ausländerbehörde noch getoppt.

Dieses Lager ist in der Tat „a mental human prison“.

Veranstaltung und Demonstration gegen Lagerzwang in Schongau

Am 16. und 17.10.2009 veranstaltete das Netzwerk Deutschland-Lagerland Aktionstage in Schongau.

Einen ausführlichen Bericht sowie Medienberichte dazu finden Sie hier.